Science-Fiction-Comic : 2035 – Odyssee im Rattenlabyrinth

So spannend kann Quantenphysik sein: „Der Schimpansenkomplex“ ist ein packender Science-Fiction-Thriller mit einer ungewöhnlichen Auflösung.

Erik Wenk
Fotorealistisch: Eine Szene aus dem dritten Band der Reihe. Foto: Splitter
Fotorealistisch: Eine Szene aus dem dritten Band der Reihe.Foto: Splitter

Zu Anfang ein kleiner Exkurs in Logik: Einem Mann erscheint in seiner Wohnung ein Gespenst. Anstatt sich zu fürchten sagt er nur: „Ein Gespenst? So was gibt es doch gar nicht!“ Das Gespenst schaut verblüfft drein – und verschwindet.

Auch wenn es zunächst abwegig erscheint: Diese kleine Geschichte kann helfen, den dreibändigen Comic „Der Schimpansenkomplex“ der beiden Franzosen Richard Marazano („Blue Space“, „Absolute Zero“) und Jean-Michel Ponzio („Pelikan Protokoll“, „Genetiks“) besser zu verstehen. Doch der Reihe nach: Wir schreiben das Jahr 2035, wo Helen Freeman – Amerikas beste Astronautin – gerade ihre Träume beerdigen muss, der erste Mensch auf dem Mars zu sein, denn die Mission wird auf Eis gelegt. Da geschieht jedoch etwas, das zu einer weit größeren Herausforderung für die Astronautin wird: Im Indischen Ozean stürzt eine unbekannte Raumkapsel ab. NASA, amerikanisches Militär und Geheimdienste sind in heller Aufregung, denn an Bord befinden sich nicht nur zwei Männer, sie behaupten auch noch glaubhaft, Neil Armstrong und Buzz Aldrin zu sein – die ersten Menschen auf dem Mond und zum Zeitpunkt der Handlung seit langem verstorben. Kurz darauf findet man die mysteriösen Astronauten mumifiziert auf: Eine Autopsie ergibt, dass beide schon seit Jahrzehnten tot sind. Als wäre das noch nicht genug, kommt auch noch heraus, dass die Sowjetunion bereits in den 60er Jahren auf dem Mars gelandet ist.

Um dem Ganzen auf die Spur zu kommen, wird Freeman zusammen mit einem kleinen Team auf eine geheime Weltraum-Mission geschickt. Nicht ganz zufällig erinnert das Szenario an Stanley Kubricks Science-Fiction-Epos „2001 – Odyssee im Weltraum“, denn auch in „Der Schimpansenkomplex“ verbirgt sich das Rätsel in den Tiefen des Alls, und auch Freeman wird weiter darin vordringen, als sie sich je erträumt hat. Anders als bei Kubrick ist das Ziel jedoch nicht der Jupiter sondern der Mars.

Für glaubhaftes Science-Fiction-Flair sorgen die technisch perfekten Zeichnungen von Jean-Michel Ponzio. Die geschmackvoll kolorierten Bilder erinnern beinahe an Fotografien, was dem Comic manchmal etwas Statisches gibt, ihn auf der anderen Seite aber geradezu wie das Storyboard für einen Film wirken lässt. Das unterstreicht der Hollywood-mäßige Anfang der Geschichte. Und auch dass Freeman für ihre wichtige Mission ihre Tochter vernachlässigen muss, lässt zunächst auf Popcorn-Kino schließen - wird sie am Ende nicht nur die Welt, sondern auch noch die Beziehung zu ihrer Tochter retten müssen? Zudem hat der Comic anfangs ein Glaubwürdigkeitsproblem, denn die Welt vom 2035 sieht exakt so aus wie die Welt von heute. Doch der erste Eindruck täuscht: Dem etwas ungelenken Einstieg folgt schnell eine fesselnde Handlung, die mit jeder Seite rätselhafter wird.

Geerdet: Die Beziehung der Hauptfigur zu ihrer Tochter gewinnt im Lauf der Handlung unerwartete Bedeutung. Foto: Splitter
Geerdet: Die Beziehung der Hauptfigur zu ihrer Tochter gewinnt im Lauf der Handlung unerwartete Bedeutung.Foto: Splitter

Der Titel des Comics geht auf ein – fiktives - Phänomen zurück, das laut Story erstmals bei einem Experiment mit einem Schimpansen beobachtet wurde: Der Menschenaffe war intelligent genug, um sich bewusst zu sein, dass er Teil eines Experiments ist, und er spürte auch, dass er auf dessen Durchführung keinen Einfluss hatte – daraus entstehen Stress und ein Gefühl der Ohnmacht, die das betroffene Subjekt zum Wahnsinn treiben können. Marazano und Ponzio hätten ihren Comic aber auch „Die Heisenbergsche Unschärferelation“ nennen können, denn – ungeachtet eines so wenig verkaufsfördenden Titels – diese quantenphysikalische Gleichung ist ein Schlüssel zum Verständnis des Comics. Sie besagt, dass ein Atom-Teilchen mehrere Geschwindigkeiten bzw. Zustände besitzen kann, solange sein Ort nicht bestimmt ist. Wird die Position jedoch – etwa in einer experimentellen Versuchsanordnung – festgestellt, verschwinden die anderen Zustände und nur noch einer bleibt übrig.

Mit wissenschaftlichen Termini muss sich der Leser jedoch nicht herumschlagen: In erster Linie ist „Der Schimpansenkomplex“ ein wirklich packender Science-Fiction-Thriller mit geradezu cineastischen Qualitäten: Verschwörungstheorien um die Mondlandung, ein geheimer Mars-Flug der Sowjets, kosmische Doppelgänger von längst verstorbenen Erdenbewohnern, eine verschwundene Erde – die Macher geizen nicht mit spektakulären Was-wäre-wenn-Ideen, die vor allem ab dem zweiten Band den Spannungslevel konstant hoch halten.

Trilogie: Die Covermotive des ersten und dritten Bandes. Foto: Splitter
Trilogie: Die Covermotive des ersten und dritten Bandes.Foto: Splitter

Versucht man jedoch das spektakuläre Geschehen zu interpretieren, nimmt der Comic philosophische Züge an: Der Leser hat die Wahl, welches Modell er zur Deutung heranzieht: Den Schimpansenkomplex oder die Unschärferelation. Beiden gemeinsam ist das Moment des Experiments, das in irgendeiner Weise stattzufinden scheint. Innerhalb der Comics wird zwar niemals von einem Experiment gesprochen - lediglich im Klappentext ist die Rede davon - doch es ist klar, dass es eines geben muss, unabhängig, wie es geartet ist und wer es durchführt. Der auf den ersten Blick eher nebensächliche Handlungsstrang mit Freemans Tochter Sofia wird dadurch zum Clou, denn nur sie verhindert, dass Freeman von den erbarmungslosen Folgen des Experiments verschluckt wird.

Doch so ausgeklügelt die Handlung auch ist, viele Leser, die keinen Hang zu quantenphysikalischen oder philosophisch-religiösen Gedankenexperimenten haben, werden bei der Deutung der Geschichte etwas alleine gelassen. Dafür tauchen zu wenig direkte Anregungen und Denkanstöße auf, welche auf die Metaebene des Comics verweisen. Sieht man von dieser kleinen Schwäche ab, ist „Der Schimpansenkomplex“ ein über weite Strecken hochspannend erzählter Comic mit großartigen Alternativ-Welt-Szenarien, der schon allein wegen seiner grafischen Erscheinung ein Kandidat für eine Film-Adaption ist.

Richard Marazano (Text) und Jean-Michel Ponzio (Zeichnungen): „Der Schimpansenkomplex“, deutsch von Tanja Krämling, Splitter, drei Bände à 56 Seiten, je 13,80 Euro. Leseproben aller drei Bände gibt es auf der Website des Verlages.

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