Scifi-Parodie : Die Martina-und-Gildo-Show

Vor acht Jahren veröffentlichte Ehapa die ersten beiden Bände von Lewis Trondheims und Manu Larcenets Sci-Fi-Parodie "Die Kosmonauten der Zukunft". Nun erscheint im Finix Verlag der Abschlussband der rasanten Trilogie.

Sven Jachmann
Leseprobe aus dem Abschlussband.
Leseprobe aus dem Abschlussband.Illustration: Manu Larcenet

Nicht nur aufgrund ihrer überbordenden und fast erschreckenden Produktivität haben sich Lewis Trondheim und Manu Larcenet für die Ewigkeit in den französischen Comicbetrieb eingeschrieben. Sie haben in jedem namhaften Verlag publiziert, sie scheren sich wenig um strenge Formatsgesetze, sie fühlen sich in sämtlichen humoristischen Gattungen ebenso heimisch wie in melancholischen oder autobiografischen Erzählungen, sie sind Meister des absurd-lakonischen Dialogs und sarkastische Alltagsbeobachter und bilden (nicht nur, aber insbesondere) im Funny-Bereich die Speerspitze dessen, was an geistreicher Unterhaltung möglich ist. (Einziger Unterschied: Larcenet ist der bessere Zeichner, aber das ist letztlich eine Frage des gewählten Sujets.)

Dank des langen Atems ihres hiesigen Hausverlags Reprodukt (wo u.a. auch Trondheims monumentale Fantasy-Parodie „Donjon“ erscheint, für die er regelmäßig auf Larcenet als Zeichner zurückgreift) sollten die beiden auch der deutschsprachigen Leserschaft ein fester Begriff sein, denn zusammengerechnet hat die Zahl ihrer übersetzten Werke die 50 bereits überschritten. Dazu zählt auch die 2002 begonnene und im selben Jahr abgebrochene Trilogie „Die Kosmonauten der Zukunft“, von der der Ehapa Verlag lediglich zwei Alben veröffentlichte. Es brauchte erst das Engagement des sich ganz der Komplettierung abgebrochener Serien verschriebenen Finix Verlags, dass diese hochvergnügliche Science-Fiction-Parodie nun acht Jahre später endlich vollständig vorliegt – auch wenn die zwei Vorgänger mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich sind.

Leseprobe aus dem Abschlussband.
Leseprobe aus dem Abschlussband.Illustration: Manu Larcenet

Unsere Umwelt besteht aus Aliens! Aber schön ist sie trotzdem

Parodie meint im vorliegenden Fall allerdings nicht die abgeschmackte serielle Anordnung mehr oder minder gelungener Gags, die sich programmatischer Szenen des Genres annehmen, also etwa so, wie man es in der Scary-Movie-Filmreihe vorgeführt bekam. Trondheim und Larcenet gehen motivgeschichtlich vor und konzentrieren sich in jedem Album auf ein fixes Sujet der Science Fiction. Im ersten (und besten) Album ist dies die Paranoia-Erzählung, die diffuse Furcht vor der geheimen Infiltrierung durch eine fremde Macht out of space. Darin müssen die zwei elfjährigen Schüler Martina Höhne und Gildo Falter unter allerlei Wortwitz und Situationskomik letztlich ihre These, dass nämlich ihre gesamte Umwelt in Wirklichkeit aus Robotern oder Aliens bestünde, verifizieren.

Nur stand die vermutete Invasion unter äußerst altruistischen Vorzeichen: Die Mawisianer – kleine, dicke und pazifistische Trolle mit Reptilienhaut, Drachenschwanz und Überbiss – klonten die zwei „Kosmonauten der Zukunft“ nach einer 13 Jahre vergangenen, tödlichen Bruchlandung auf ihrem Planeten und simulierten nach bestem Wissen und Gewissen eine Gegenwart, wie sie nahtlos der Erinnerung der beiden an ihre Vergangenheit entsprechen sollte. Der befürchtete Angriff auf die Menschheit entpuppt sich also als eine Art intergalaktische Truman Show, unter umgekehrten Vorzeichen: Die zweite (bzw. dritte) Geburt der Helden, die mit der Bewusstwerdung der simulierten Welt einher ging, wirft ein recht profanes Bild auf das Göttliche, dem sich Jim Carrey durch den Eintritt in eine Kulissentür inmitten eines Tornados auf hoher See noch konfrontieren musste: Hinter dem Stadtrand finden Martina und Gildo eine unendliche, archaische Wüstensteppe. Und die plötzlich entzauberte Welt, die ganz auf die Bedürfnisse der beiden ausgerichtet ist, bedeutet schließlich eine ganze Menge Komfort, existiert erstmal das Wissen um ihre Beschaffenheit.

Leseprobe aus dem Abschlussband.
Leseprobe aus dem Abschlussband.Illustration: Manu Larcenet

Die Hauptfeindin ist die Schwester der Helden. Ach, nein: ihre Tochter!

Getreu dem Steigerungsgesetz der Sci-Fi-Fortsetzungen folgt im zweiten Band der Eskapismus: mehr Nebenfiguren – geklonte Crewmitglieder, die ebenfalls noch im Wrack geborgen wurden –, mehr Action und Zerstörung inklusive des kurzzeitigen Auftritts eines Nachwuchsbösewichts, nachdem der friedliebende Planet letztlich doch noch von Invasoren heimgesucht wird. Für Martina und Gildo bildet dies den Auftakt für eine ungewisse Reise durchs All, die mit dem vorliegenden dritten Album ihren Abschluss findet.

Zu Jugendlichen gereift, geraten Martina und Gildo auf einen Planeten, dessen Bewohner ausgerechnet ihnen als Helden huldigen, auch wenn dies vornehmlich in Form touristischer Führungen geschieht. Im Prinzip konzentriert sich die Erzählung auf Bewegung, narrativ wie erzählökonomisch, denn alles gerät ein wenig aus den Fugen. Überbordend vermengen sich Elemente der Space Opera mit den Identitätskonfusionen eines Philip K. Dick, zusammengehalten wird das Ganze von einem logisch unauflösbaren Zeitparadoxon.

Das Regime, welches den Martina-und-Gildo-Kult pflegt und zu Tausenden aus ihren Klonen besteht, muss sich einer riesiger Zahl Rebellen erwehren, deren Anführerin wiederum Gildos vermeintliche Schwester ist, von der sich herausstellen wird, dass sie Gildos und Martinas Tochter ist. Zu einem gänzlich befriedigenden Schluss führen diese unterschiedlichen Stränge nicht, weil die Figuren so rasant zu den Schauplätzen manövriert werden, dass die parodistische Erdung teilweise glatt auf der Strecke bleibt – sei es, um doch noch schnell ein Kohärenzgerüst zu suggerieren, sei es, um das Chaos der Serialität im Sinne der Fortsetzungsideologie ad absurdum zu treiben. Trotzdem bleibt die Freude darüber, die Entscheidung dank einer nunmehr vollständigen Übersetzung endlich selbst fällen zu können.

Das Cover des Abschlussbands.
Das Cover des Abschlussbands.Illustration: Manu Larcenet

Lewis Trondheim (Text) und Manu Larcenet (Zeichnungen): "Die Kosmonauten der Zukunft, Band 3". Aus dem Französischen von Tobias Haßdenteufel. Hadamar: Finix Comics 2010. 48 Seiten. 11.80 Euro. Hier geht es zu einer Leseprobe beim Verlag. Zur Homepage von Lewis Trondheim geht es hier – und hier zur Seite von Manu Larcenet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben