Spionagegeschichte : Psychogramm eines Agenten

Isabel Kreitz' Bleistift-Psychogramm "Die Sache mit Sorge" gilt als einer der besten Comics des Jahres. Auf der Frankfurter Buchmesse wurde er mit dem "Sondermann"-Preis ausgezeichnet. Ein Weihnachtsgeschenk-Tipp für Spätentschlossene.

Peer Göbel
Isabel Kreitz Die Sache mit Sorge
Die Sache mit Sorge. Stalins Spion in Tokio. -Illustration: Isabel Kreitz/Carlsen Verlag

Es ist Isabel Kreitz' bislang umfangreichste Arbeit: Auf 240 Seiten zeichnet die Autorin die letzten Jahre von Richard Sorge nach, Stalins Spion in Tokio. Sorge bewegte sich von 1933 bis 1941 als Journalist getarnt in den höchsten Diplomatenkreisen und meldete den Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion nach Moskau. Dort glaubte man ihm nicht und unternahm daher keine Vorkehrungen. Als er aufflog, bestritt die UdSSR jede Verbindung.

Isabel Kreitz hat akribisch und umfassend recherchiert, beschreibt Sorge als faszinierenden Idealisten, Frauenhelden und Trinker, der an dem Druck der Doppelidentität und der sich zuspitzenden politischen Lage zerbricht.

Die chronologische Handlung wird wie ein Dokumentarfilm durchbrochen von Zeitzeugen, die rückblickend die Ereignisse kommentieren. Es entsteht ein dichtes Bild aus dem geschützten und angespannten Diplomatenleben in Kriegszeiten. Und eigentlich ist "Die Sache mit Sorge" auch eine Liebesgeschichte zwischen dem Spion und der Pianistin Eta Harich-Schneider, die in Berlin ihre Stelle verlor, weil sie jüdische Schülerinnen weiter unterrichtete.

"Die Sache mit Sorge" ist ein Mammutwerk, das in zwei Jahren Arbeit entstand. Die Bleistiftzeichnungen haben im Druck an Kontrast gewonnen, der den Pupillen der Charaktere oft ein irres weißes Schimmern verleiht. In konventionellen Panels changiert die Geschichte zwischen Spionage-Thriller, Dokumentation und Lovestory. Bei Isabel Kreitz heißt Comic nicht Vereinfachung. Die Zeichnungen sind detailreich und wechseln spielerisch die Einstellungen, besonders die Straßenszenen sind kleine Kunstwerke.

In einer groß angelegten Erzählung gelingt es Isabel Kreitz, aus dem historischen Thema eine lebendige Charakterstudie zu machen. Richard Sorge erscheint nicht unbedingt als sympathische Figur, sondern als Aufschneider, der sich kaum zum Helden eignet, aber deshalb umso echter wirkt.

Isabel Kreitz Die Sache mit Sorge
Illustration: Carlsen

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Der Carlsen-Verlag hat eine Leseprobe ins Netz gestellt.

Zur Autorin

Isabel Kreitz wurde 1967 in Hamburg geboren. 1997 erhielt sie den Deutschen Comicpreis als "beste deutschsprachige Comiczeichnerin". Den Titel trägt sie immer noch, weil die zur Preisverleihung gehörende Comicmesse nach nur einem Mal eingestellt wurde. Aufsehen erregte ihre Literaturumsetzung von Uwe Timms "Die Entdeckung der Currywurst", 2006 erhielt sie den Max-und-Moritz-Preis für ihre Kästner-Adaption "Der 35. Mai". "Die Sache mit Sorge" wurde 2008 auf der Frankfurter Buchmesse zum besten deutschen Comic gewählt.




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