„Sprechende Hände“ von Joseph Lambert : Schemenhafte Welt

Trotz kleiner Schwächen überzeugend: Joseph Lambert visualisiert in der Comicerzählung „Sprechende Hände“ die Geschichte des blinden Mädchen Helen Keller.

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Die drei ersten Seiten des Buches geben die Richtung vor. Vor schwarzem Hintergrund ertastet eine grobe hellgraue Silhouette, die ganz offensichtlich zu einem Kind gehört, einen Tisch. Es findet etwas Essbares, das gelb gezeichnet ist, und steckt es in den Mund. Da dringen große blaue Arme - sie signalisieren das Fremde - in die dunkle Welt des Kindes ein und hindern es am Essen. Die blauen Arme sind stärker als das Kind und scheinen es zu bedrängen, es bändigen zu wollen, um sich auf einen Stuhl zu setzen und einen Löffel zum Essen zu benutzen. Ein Kampf.

Der 1984 geborene amerikanische Zeichner Joseph Lambert erzählt in „Sprechende Hände“ die Geschichte eines wohlbehütet aufwachsenden taubblinden Mädchens und der Beziehung zu ihrer Erzieherin, die zugleich ihre Lehrerin ist. Es geht dabei nicht um irgendein Mädchen, sondern um Helen Keller, die von 1880 bis 1968 lebte und, vor allem in den USA, berühmt wurde. Unter anderem engagierte sie sich früh für Bürgerrechte der schwarzen Bevölkerung in den USA und schrieb mehrere meist autobiographische Bücher. 1962 verfilmte Arthur Penn ihre Autobiographie als Spielfilm, „Licht im Dunkel“ („The Miracle Worker“), weitere Verfilmungen folgten, in einer South-Park-Folge („Helen Keller – The Musical“) wird Helen Kellers populäres Schicksal parodiert.

Hilfe auch gegen den Widerstand der Eltern

Joseph Lambert legt nun – wie der Film von Penn - den Akzent auf ihre Kindheit und die Beziehung zur Lehrerin Anne Sullivan, erzählt die unglaubliche Geschichte, wie diese aus einem wilden, autistischen Mädchen, das seine Umwelt nicht begreifen und seine eigenen Gefühle ebenso wenig ausdrücken kann, einen „normalen“ Menschen machte, der lernfähig ist und sich artikulieren kann.

Kampf um Erkenntnis: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Kampf um Erkenntnis: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

Die zu Beginn 21jährige Anne Sullivan war selbst in ihrer Kindheit zeitweise blind, konnte aber geheilt werden. Ihre eigenen Erfahrungen helfen ihr, die Erziehung von Helen voranzutreiben. Vor allem durch das Fingeralphabet, ein System von Zeichen, die man dem Gegenüber mittels Finger in die Hand schreibt, und durch ihre eigene große Beharrlichkeit gelingt es Sullivan, Helens Widerspenstigkeit allmählich zu durchbrechen – auch gegen den Widerstand von Helens besorgten Eltern.

Während die Szenen aus Helens Perspektive als dunkle und schemenhafte Wahrnehmungen dargestellt werden, folgt der Großteil des Buches Anne Sullivan in ihrem Bemühen um Fortschritte ihrer Schülerin. Ein Weg voller Hindernisse und Rückschläge, bis Anne Sullivan den Schlüssel dafür findet, wie sie Neugier und Wissbegierde in Helen wecken kann.

Rückblenden erzählen das nicht weniger interessante Leben Sullivans, die zunächst im Armenhaus aufwuchs, bis sie im renommierten Perkins Blindeninstitut von Boston aufgenommen wurde, wo sie von dessen Direktor Dr. Anagnos gefördert wurde. Lambert gelingt es, dem Leser die zunächst streng erscheinende Lehrerin nahe zu bringen und vermittelt den Eindruck, dass keine andere Person es geschafft hätte, aus Helen Keller einen zur Kommunikation fähigen Menschen zu machen.

Zeichnerische Schwächen

So überzeugend einfach wie Lambert die Darstellung der Innenperspektive Helen Kellers und ihres Lernprozesses durch das schrittweise Begreifen ihrer Umwelt, das Erlernen erst einzelner Buchstaben, dann ganzer Wörter und schließlich deren innewohnender Sinn gelingt, so fallen die Teile über Sullivan zeichnerisch deutlich schwächer aus. Das liegt zum einen an dem etwas kleinteiligen Panelformat, in das Lambert seine Geschichte presst und die er nur selten und kaum merklich variiert, zum anderen auch an handwerklichen Schwächen, wenn er die Körperhaltungen und Gesichtsausdrücke seiner Charaktere auf wenig treffende, anatomisch unbeholfene Weise zeichnet. Auch liegt Lambert offenbar wenig daran, die historischen Schauplätze - das ländliche Alabama und Boston um 1890 – dem Leser sinnlich nahe zu bringen, zu karg und austauschbar sind seine Hintergründe. In der Visualisierung von Helen Kellers Erzählung vom Frostkönig, die in die Haupthandlung integriert ist, gelingt Lambert wiederum eine inspirierte Umsetzung kindlicher Phantasie.

Licht im Dunkel: Das Buchcover.
Licht im Dunkel: Das Buchcover.Foto: Egmont

Die Graphic Novel „Sprechende Hände“ wurde 2013 mit dem Eisner Award for “Best Reality-Based Work” ausgezeichnet. Bereits 2011 wurde der in Vermont lebende Lambert, der am dortigen „Center for Cartoon Studies“ studierte, für sein Debüt „I will bite you! And Other Stories“ mit dem Ignatz Award belohnt. In diesen Storys wählte Lambert ebenfalls meist eine kindliche Perspektive.

Trotz mancher Schwächen gelingt Lambert eine prägnante wie berührende Adaption von Helen Kellers Schicksal, deren Innenwelt er auf eine solch schlüssige Weise visualisiert, wie sie nur im Comicformat möglich scheint - indem er Helens Wahrnehmung in schemenhaften Bildern visualisiert, die ihre Düsternis mit zunehmendem Wissen verlieren.

Joseph Lambert, Sprechende Hände – Die Geschichte von Helen Keller. Aus dem Amerikanischen von Johanna Wais, 96 Seiten, Egmont Graphic Novel, 19,99 Euro

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich unter diesem Link.

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