Star Trek oder Star Wars? : Phaserschüsse statt Philosophie

Der Comic "Countdown to Darkness" gibt vor, die Vorgeschichte des aktuellen Star-Trek-Films " Into Darkness" zu erzählen - tut er aber gar nicht. Dafür entfernt er die Serie weiter von der Vision ihres Erfinders Gene Roddenberry.

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Shkooom. Eine von mehreren Explosionen in "Into Darkness".
Shkooom. Eine von mehreren Explosionen in "Into Darkness".Cross Cult

Das wichtigste zuerst: Das neue Comicbuch "Star Trek - Countdown to Darkness" gibt vor, etwas zu sein, was es nicht ist. Bis auf einen eher läppischen Ausblick auf der allerletzten Seite ist es mitnichten die Vorgeschichte des neuen Star Trek Films "Into Darkness", der derzeit im Kino läuft. Eine echte Vorgeschichte des Films wäre - Achtung, Spoiler - eine Story über Khan gewesen, den genmanipulierten Superkrieger und Diktator von der Erde, der erstmals in der klassischen TV-Serie Raumschiff Enterprise auftauchte und dann noch einmal im zweiten Teil der Spielfilmserie von 1982 "Der Zorn des Khan", der vielen Fans des Franchise noch immer als der beste aller bisherigen zwölf Filme gilt.

Wie der aktuelle Film spielt auch der Comic in der alternativen Zeitlinie zum bisherigen Star Trek Universum. Durch diesen Trick im Drehbuch hat sich der Regisseur J.J. Abrams für seinen ersten Star Trek Film (dem elften der Gesamtreihe) eines großen Teils des Ballastes im von Gene Roddenberry Mitte der 1960er Jahre geschaffenen Star-Trek-Universums entledigt. Und so muss auch das Comicbuch nur wenig Rücksicht nehmen auf das, was bisher für Star Trek galt.

Geschütze gegen Gewissen

Wie in den beiden neuen Filmen geht es auch im Comic martialisch zu: Stellvertreterkriege, Genozid, Terrorismus lassen keine Zeit für lange philosophische Erwägungen. Obwohl das Hauptthema der Comicstory, die Oberste Direktive der Sternenflotte, es durchaus hergegeben hätte, über die Seelennöte von Raumschiffkapitänen nachzudenken, die unter den Bestimmungen dieses Grundgesetzes leiden. Denn selbiges untersagt es Captains streng, sich in die Entwicklung fremder Zivilisationen einzumischen, ja sich überhaupt erkennen zu lassen. Das hätte Potential, über das Für und Wider solcher Regeln der Nichteinmischung  zu streiten, die ja auch ein Schutz für die Besatzungen vor Gewissensnöten bieten. Ein Jean-Luc Picard, philosophierender Captain der Enterprise in der Neuauflage der Serie in den 80er/90er Jahren als "The next Generation",  hätte die Oberste Direktive als ehernes Gesetz nie verletzt, selbst wenn der Preis das eigene Leben gewesen wäre. In dem Comic hätte Picard keine Chance gehabt, denn hier gilt die Oberste Direktive wenig.  Der Gegenspieler Captain Kirks hat die Direktive verletzt, Kirk stimmt ihm insgeheim zu. Und hier gibt es tatsächlich eine Verbindung zum neuesten Spielfilm. Kirk wird hier die Oberste Direktive ebenfalls verletzen ...

Klingonische Sturmtruppen. Das Cover des besprochenen Bandes.
Klingonische Sturmtruppen. Das Cover des besprochenen Bandes.Cross Cult

Elemente der klassischen Serie dienen dem Comic allenfalls als schmückendes Beiwerk, um den treuen Star-Trek-Fans kleine Schmankerl zu bieten: So wird eine Figur, die aus den klassischen Folgen bekannt und beliebt ist, umdefiniert. Es trifft eine  Person namens Mudd, der als beleibter, lebensfroher und etwas tuntig auftretender Schmuggler in der klassischen Serie für einige Lacher sorgte, besonders in der Folge "I, Mudd" (dt. "Der dressierte Herrscher"). Im Comic tritt dieser Mudd nun als Waffenschmugglerin auf, die ein Auge auf Kirk wirft.

Und es gibt auch den einen rot gedressten Crewman, der den Captain bei seinem Planetenausflug begleitet. Diese Typen im roten Shirt der Mannschaftsdienstgrade an Bord - im Gegensatz zu den goldenen und blauen der höheren Ränge - gab es schon in den Tagen der klassischen Star-Trek-Fernsehserie als Begleiter bei Außeneinsätzen. Dort hatten sie maximal einen Vornamen  und mussten relativ schnell sterben, um eine Gefahr für die Serienhelden zu demonstrieren. Im Comic bekommt diese eine Figur nun einen Nachnamen - und überlebt sogar.

Die Optik ist Standard. Ordentlich gezeichnet, aber auch konventionell. Teilweise wirken die Zeichnungen wie Standfotografien aus dem Film: etwas wenig dynamisch und in den Gesichtern der Helden sind deutlich die darstellenden Schauspieler zu erkennen.

Star Trek goes Star Wars

Reicht all das, um eine echt gute Star Trek Geschichte zu liefern? Nein! Denn die Story ist so simpel, dass sie sich in wenige Sätze packen lässt. Die Enterprise trifft auf eine Zivilisation, die entgegen der Erwartung über fortgeschrittene Waffen verfügt. Auf dem Planeten tobt ein Bürgerkrieg, die eine Seite wird von den Klingonen mit Waffen versorgt, die andere von einem als verschollen geltenden  Vorgänger Kirks namens April. Der will nun die Enterprise als Trumpfkarte gegen einen vermutlichen Genozid in den Krieg führen und kapert sie mittels eines Computervirus. Das misslingt. Kirk gewinnt sein Schiff zurück, nimmt April gefangen und fliegt zur Erde zurück. Über die kriegführenden Parteien erfährt man fast nichts, außer dass sie wie Insekten aussehen. Ansonsten bilden sie die Staffage für die Massenszenen hinter den Sternenflottenoffizieren und den Klingonen. Alles irgendwie sehr kolonialistisch, und der Idee des Star Trek Schöpfers Roddenberry sehr fremd.

So drückt der "Neuerfinder" von Star Trek auch den Comics seinen Stempel auf. Sicher, die meisten Fans werden es begrüßen, dass J.J. Abrams der Reihe wieder (ökonomisches) Leben eingehaucht hat, weil er neue Filme lieferte. Aber dafür wird auch ein Preis gezahlt: Star Trek nähert sich immer mehr der konkurrierenden Reihe Star Wars an. Das gilt auch für den Comic, nicht nur wegen der Klingonen, die durch die neu eingeführten Helme den Imperialen Sturmtruppen des Star-Wars-Imperators oder den dort ebenfalls auftretenden Kopfgeldjägern ähneln. Das gilt auch und  besonders für die Freude der Autoren an martialischer Action, vielen Explosionen und Lichtschüssen. Und wo wir gerade dabei sind: die lautmalerische Umschreibung von Phaserentladungen " Shkow" oder" Kraak" haben wenig mit dem Original zu tun - weder bei Star Wars noch bei Star Trek.

David Messina & Mike Johnson "Star Trek - Countdown to Darkness", Cross Cult, 104 Seiten, 14,80 Euro

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