Superhelden : Alles fließt

Wachwechsel im Hause Wayne: Bestsellerautor Neil Gaiman und Meisterzeichner Andy Kubert beerdigen Batman und lassen ihn wieder auferstehen – in einer der besten Kurzgeschichten, die man seit langem mit dem maskierten Helden gelesen hat.

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Im Übergang. Bruce Wayne alias Batman kurz vor der Wiedergeburt.Illustration: Kubert/Panini

Dieser Fledermäuserich hat sieben Leben. Mindestens. Und ebenso viele Tode muss er sterben. Kürzlich hat Batman, wie schon manch anderer Comic-Held vor ihm, das Zeitliche gesegnet, weil seine Autoren und Zeichner und vor allem die auf gelegentliche vermeintlich finale Wendungen im ansonsten immergleichen Comic-Mikrokosmos angewiesenen Verleger dies so wollten (mehr dazu unter diesem Link).

Batman muss sterben, damit Batman weiterleben kann: Dieser Tage erscheinen die ersten Bände eines neuen Zyklus auf Deutsch, in dem der „Kampf um die Maske“ ausgetragen wird, an deren Ende ein Nachfolger in das Kostüm des Verstorbenen schlüpft - mehr dazu hier

Während im offiziellen Batman-Kontinuum des DC-Verlages die Titelfigur also gerade eine Auszeit nimmt, um dann in anderer Gestalt erneut aufzuleben, erlebt der manisch-depressive Rächer mit der Maske in einer bemerkenswerten Kurzgeschichte eine Wiederauferstehung der besonderen Art.

Gerade mal 60 Seiten lang ist die Batman-Erzählung „Was wurde aus dem dunklen Ritter?“, die vor kurzem in zwei Heften auf Deutsch erschienen ist. Aber es sind die besten 60 Seiten mit dieser Figur, die seit langem zu lesen waren. Und sie sind, anders als manche Geschichten zuvor, auch für Gelegenheitsleser nachvollziehbar, denen nicht jedes Detail dieser fantastischen Welt vertraut ist.

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Das liegt vor allem am Autor: Comic- und Fantasy-Star Neil Gaiman („Coraline“, „The Sandman“) hat einen so zugänglichen wie komplexen Meta-Plot voller ungewöhnlicher Wendungen und metaphysischer Vielschichtigkeit konstruiert, der doch zugleich nie einen Hehl daraus macht, dass im Zentrum der Geschichte eine archetypische, zweidimensionale Comicfigur steht, eine Projektionsfläche für Ängste, Träume und Sehnsüchte ihrer Leser, die zwar im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Comics und Filmen an Komplexität gewonnen hat, aber im Kern immer noch vor allem das ist, was sie am Anfang war: Eine archaische, teils absurde und doch höchst unterhaltsame Jungsfantasie.

In Gaimans Erzählung, die Andy Kubert („X-Men“, „Marvel 1602“) meisterhaft und mit vielen Anspielungen auf frühere Höhepunkte und klassische Vorbilder gezeichnet hat, geht es vordergründig um eine Totenfeier – erzählt aus der Perspektive des Verstorbenen. Batman ist, wie aus der Haupthandlung bekannt, im Kampf für das Gute gefallen, nun treffen sich an seinem Sarg all seine Weggefährten zum letzten Geleit, Freund und Feind in Anteilnahme vereint.

Nach und nach erzählt jeder, wie er den Verstorbenen kennenlernte, wie sich ihre Beziehung entwickelte und welche tragende Rolle er oder sie angeblich bei dessen Tod spielte. Aber je mehr wir hören, von Catwoman, dem Butler Alfred oder dem Joker, desto widersprüchlicher wird die Geschichte. Jeder hat einen anderen Batman gekannt und jeder hat eine andere Todesgeschichte zu erzählen. Nach und nach geraten alle vermeintlichen Gewissheiten über den innerhalb von sieben Jahrzehnten entwickelten Helden und sein Universum ins Wanken. Waren all die Superschurken, an denen er sich zeitlebens abarbeitete, vielleicht nur Erfindungen seines treuen Butlers, der ihn damit von seinen Depressionen ablenken und das Trauma der ermordeten Eltern vergessen machen wollte?

Während sich die eigentlich so hermetische, in ihrem Körperpanzer gefangene Hauptfigur nach und nach in immer widersprüchlichere Facetten auflöst, öffnet sich für den als Ich-Erzähler doch immer präsenten Bruce Wayne alias Batman eine Tür.

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Ein Lichtstrahl weist ihm den Weg in eine Zwischenwelt, in der die Toten leben und die den Weg in ein neues Leben verheißt. Am Schluss steht der Verstorbene wieder am Anfang des Lebens, bereit für eine weitere Reinkarnation seiner selbst, bereit für die nächste Runde voller Traumata und Initiationsrituale, voller Kämpfe und Siege und am Schluss den nächsten Abgang.

Selten hat jemand den ewigen Kreislauf der trotz gelegentlicher Tode unsterblichen Comicfiguren in eine so meditative, nachdenkliche, mit einigen unerwarteten Wendungen versehene, komplett ironiefreie und doch wunderbar unterhaltsame Story verpackt wie Gaiman, dazu mit so schlüssigen Bildern wie denen von Kubert.

Neil Gaiman, Andy Kubert: Batman, Hefte 35 und 36, je 4,95 Euro,
Panini-Verlag.

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