Superhelden-Comic : Die Alpträume des Androiden

Die Superheldenserie „Vision“ überzeugt mit einer gut erzählten Geschichte. Jetzt wurde sie mit einem Eisner-Award ausgezeichnet.

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Eine der merkwürdigeren Ecken des Marvel-Universums: Eine Seite aus dem ersten "Vision"-Sammelband.
Eine der merkwürdigeren Ecken des Marvel-Universums: Eine Seite aus dem ersten "Vision"-Sammelband.Foto: Panini

Der US-Superheldencomic, der seit 1938 die ewig gleichen Geschichten erzählt, erlebt gerade eine der größten Krisen seiner Geschichte: Zwar sind die Superheldenfilme immer noch erfolgreich an der Kinokasse und ein Ende des Booms ist nicht abzusehen, aber die Leser bleiben einfach weg. Und die Idee, diese Inflation durch Diversifizierung (viele Superhelden sind jetzt Frauen oder Mitglieder ethnischer Minderheiten) aufzulösen, ist krachend gescheitert, die Auflagenzahlen befinden sich im Sturzflug. Da ist es doch ermutigend, dass junge Autoren wie Matt Fraction („Hawkeye“) oder jetzt der ehemalige CIA-Agent Tom King gegenhalten. Mit dem einfachsten aller Rezepte: gute Geschichten zu erzählen.

Können Computer trauern, hassen, lügen?

Die Geschichte des Androiden Vision etwa, seit 1968 Mitglied der „Ruhmreichen Rächer“, ist lang und verwickelt. Und doch kann man mit dieser alten Figur eine spannende, neue Geschichte erzählen. In der zwölfteiligen Serie „Vision“, die am vergangenen Wochenende bei der Comic-Con San Diego mit einem der begehrten Eisner-Awards ausgezeichnet wurde, hat sich Vision eine perfekte kleine Familie geschaffen, die in einem perfekten kleinen Vorort lebt, während Vater als Berater für den US-Präsidenten arbeitet. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht zur Ruhe kommen, gehetzt von unheimlichen Erinnerungen muss er mitansehen, wie ein alter Feind die Familie angreift und Visions perfekte Welt zerfetzt.

Alte Figur, neue Geschichte: Eine Seite aus der besprochenen Band.
Alte Figur, neue Geschichte: Eine Seite aus der besprochenen Band.Foto: Panini

Das führt zu interessanten Fragen: Können Computer trauern, hassen, lügen? Das ist von Newcomer-Autor Tom King kompetent geschrieben und von dem Spanier Gabriel Hernandez Walta mit genau der richtigen kühlen Distanz gezeichnet.

Ihre Erzählung behandelt überaus moderne Fragen zu Überwachung und künstlicher Intelligenz, wie sie auch etwa Stephen Hawking in einigen Beiträgen auf wissenschaftlichen Diskussionsforen aufgeworfen hat. Und man interpretiert nicht zu viel in diesen Thriller und Familienkrimi hinein, wenn man selbst die Ideen Karl Poppers zu kritischem Rationalismus und Wissenschaftstheorie findet, etwa in den Gesprächen zwischen Vision und seinen „Kindern“ Viv und Vin.

Komplett: Das Cover des zweiten und letzten Sammelbandes.
Komplett: Das Cover des zweiten und letzten Sammelbandes.Foto: Panini

Manchmal meint man, die Superheldenversion eines David-Lynch-Films zu lesen, an anderen Stellen fühlt man sich an das Miller/Darrow-Vehikel „Hard Boiled“ erinnert. Es sind diese eher merkwürdigen Ecken des Marvel-Universums, die im Moment am interessantesten sind. Wer etwa „Hawkeye“ mochte, die wird hier den kongenialen Nachfolger finden.

Tom King und Gabriel Hernandez Walta: Vision, Band 1: Eine (fast) normale Familie. Band 2: Träumen Androiden von virtueller Liebe? Aus dem amerikanischen Englisch von Horus W. Odenthal, Panini Comics, je 140 Seiten, je 16,99 Euro

Die vollständige Liste der Gewinner der Eisner-Awards vom Wochenende finden Sie unter diesem Link.

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