Superhelden-Comics : Das Kreuz mit dem Crossover

Immer häufiger setzen Verlage wie DC bei ihren Superhelden-Geschichten darauf, unterschiedliche Handlungsebenen und Figuren zu kombinieren, so in der aktuellen Serie "Final Crisis". Was das soll, verstehen auch hartgesottene Fans oft nicht mehr

Lutz Göllner
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Was tut der da? Szene aus der DC-Crossover-Serie "Final Crisis", die derzeit auf Deutsch bei Panini erscheint.Illustration: DC

„Sie können ‚Supergirl‘ #26 gar nicht verstehen, wenn Sie nicht ‚Punisher‘ #168 gelesen haben“, scherzte vor zwei Jahren der Autor Mark Waid beim Comicsalon in San Diego über den aktuellen Crossoverwahn. Und damals hatte dieser kostspielige Unsinn ja erst begonnen.

Die Idee zu diesem permanenten Crossover stammte von DCs Chefredakteur Dan DeDio. Alles bezieht sich auf alles und alles hängt mit einander zusammen.

Dabei waren die Anfänge gar nicht so kompliziert: Im ersten Sommer-Crossover 1963 trafen die beiden Superheldenteams der Justice League und der Justice Society aufeinander und mussten die Welt retten. Das dauerte genau zwei Hefte.

Das Sommer-Crossover „Armageddon 2001“ umfasste 1991 exakt 14 Hefte plus zwei Epiloge, bestehend aus acht Heften. Das aktuell in den deutschen DC-Ausgaben laufende Mega-Crossover „Final Crisis“ hat alleine schon 30 Hauptkapitel, Vor-, Neben- und Nachgeschichten sind unüberschaubar. Ich schätze sie auf über 100 Hefte.

Der Wahnsinn hat Methode

Wer diesen Irrsinn noch mitmacht, hat entweder viel zu viel Geld (immerhin kosten selbst die billigen US-Hefte inzwischen drei Dollar) oder er weiß mehr über Superhelden-Comics, als für einen gesunden Geist gut ist. Bis heute habe ich z.B. nicht kapiert, worum es im vorletzten Crossover, „Infinite Crisis“, wirklich ging. Irgendein Superboy von einer Parallelerde saß jahrelang im Limbo und hatte einen teuflischen Plan. Zu dem gesellte sich von irgendwoher ein Lex Luthor und der Golden-Age Superman. Was die dann alle wollten? Keine Ahnung! Obwohl ich das zwei Mal gelesen habe.

Doch der Wahnsinn hat ganz offensichtlich Methode. Der momentane Batman-Autor Grant Morrison (der auch für die „Final Crisis“ verantwortlich zeichnet) ist so ein Typ, in seinen Geschichten nimmt er immer wieder Bezug auf ganz alte Hefte, ohne die die aktuelle „R.I.P.“-Story gar nicht zu verstehen ist.

"Ein Geschäft für Insider und Außenseiter"

„Es ist doch eigentlich ganz einfach“, versucht mir Steve Kups, „Batman“-Übersetzer und Fanboy-Supreme, zu erklären, „lies ‚Batman“ #113 und #156, die ‚Detective Comics“-Ausgaben #215 und #267 und die Graphic Novel ‚Son Of The Demon‘. Dann versteht man auch die ‚R.I.P.‘-Story ganz leicht.“ Ein Selbstversuch enthüllt jedoch: So einfach ist das nicht! Morrisons Geschichte ist trotzdem vollkommen verwirrend und total durchgeknallt. Und sie hat noch nicht mal ein Ende.

Denn am Ende von „R.I.P.“ erfährt man: Batman stirbt gar nicht in dieser Geschichte, sondern in Kapitel sechs von „Final Crisis“. Auch dieses Experiment am eigenen Geist habe ich (zumindest teilweise) versucht, ich habe die 15 Kapitel gelesen, die der Schotte Grant Morrison geschrieben hat. Das Ergebnis: Ich habe immer noch keine Ahnung, worum das alles geht.

Immerhin: Das permanente Crossover hat es geschafft, dass ich nach über 20 Jahren aus meinem „Batman“-Abo ausgestiegen bin. Wie hatte es der Comic-Book-Guy in den Simpsons mal so treffend formuliert: „Sie haben eine erfolgreiche Industrie genommen und sie in ein Geschäft für Insider und Außenseiter verwandelt.“

Unser Autor Lutz Göllner ist Kulturredakteur beim Berliner Stadtmagazin zitty sowie Mitglied der Jury des Max-und-Moritz-Preises, der wichtigsten deutschen Comic-Auszeichnung.

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