Tabloidism : Freundschaften, Kunst und das nackte Überleben

Vor sechs Jahren starb die Zeichnerin Minako Minagawa, die immer wieder auch in Berlin gearbeitet hat. Auf einer Website lebt ihr Werk weiter.

Elke R. Steiner
Sternchen vom Drogen-Michelin. Szene aus einer Episode von 2001.
Sternchen vom Drogen-Michelin. Szene aus einer Episode von 2001.Illustration: Minako

Am Anfang waren es Briefe, aus denen Minako Minagawa ab 1996 eine eigene Art von Comics entwickelte, Tabloidism genannt. Das klingt gleichermaßen nach einer Lebens- und einer Kunstform, und so liest es sich auch. Tabloidism ist eine Reihe von Comic-Episoden einer Kosmopolitin aus Japan. Sie sind nach Ort und Zeit sortiert, mit lockeren, klaren Linien gezeichnet und englischsprachig. Die Ich-Erzählerin, eine androgyn und kindlich wirkende Figur, berichtet vom Existenzkampf einer Künstlerin auf drei Kontinenten, mit genauer Beobachtungsgabe, überzeugender Fiktion und manchmal Galgenhumor. Hartnäckig verfolgt sie den Traum, von Tabloidism leben zu wollen, und phantasiert selbstironisch über die 1563 Seiten starke „Tabloidism Super Issue“. Da die Herausgabe dauert, berichtet sie inzwischen über Freundschaften, Kunst und das nackte Überleben: Jobs, Miete, Heizung.

Dreh- und Angelpunkt von Minakos Geschichten ist die Sprache. Sie kämpft mit „Yanks English“ wie mit „Brit English“. Missverständliche Begriffe schaffen Figuren wie den Drogen-Michelin, der immer wieder auftaucht, um seine Sternchen zu verteilen. Der Reisebericht reicht von 1996 bis 2001 und führt von New York über Tokyo und London nach Berlin. Der Reisebus zum „Berlin Techno Trip“ wird von einem fensterlosen Waggon des „Eurostar“ verschluckt. Mit einem Wortschatz von wenig mehr als „Tablette“ und „Toilette“ steigt die Erzählerin in Berlin aus. Sie kommt wieder und bleibt. Als Zeichnerin der Berliner Independent-Comicszene vertrieb Minako ihre Heftserie „Über Leichen“ u.a. in der Comicbibliothek Renate, der Galerie neurotitan und der C-Base.

Minako Minagawa starb 2004 mit 36 Jahren bei einem Verkehrsunfall in Berlin. Ihre Freunde betreiben die Website minako-minagawa.com.

Unsere Gastautorin Elke R. Steiner lebt in Berlin und hat u.a. die Familiengeschichte „Die anderen Mendelssohns“ (Reprodukt) sowie die Kinderbücher „Bella´s Brazilian Football“ und „Bella´s Chocolate Surprise“ (Milet Publishing) gezeichnet. Ihre Website: www.steinercomix.de. Weitere Comic-Empfehlungen von ihr unter diesem Link. Kürzlich wurde das 2006 Elke R. Steiner illustrierte Buch „Mein bewegtes Leben. Ein Berliner An-Alphabet erzählt“ von Fred Volkmann durch den Verein „Lesen + Schreiben e.V.“ neu veröffentlicht. Am 1. Juni um 16.30 Uhr gibt es eine offizielle Buchübergabe an den Ausleihkatalog der Helene-Nathan-Bibliothek in Berlin-Neukölln.

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