„Tales of mere Existence“ : Seelenstriptease in Serie

Der Kalifornier Levni Yilmaz macht alles zum Thema seiner Cartoon-Serie, was ihm in den Sinn kommt. Dem Zuschauer kommen die Episoden über die Fallstricke des Alltags, menschliche Beziehungen und innere Konflikte verdächtig vertraut vor.

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Ängste der Kindheit: Ein Strip der Reihe.
Ängste der Kindheit: Ein Strip der Reihe.Foto: Yilmaz

„Immer positiv denken!“ ist einer der dümmsten Ratschläge überhaupt. Wenn alles im Leben schief läuft, wenn du von chronischen Selbstzweifeln geplagt wirst, wenn alle deine Freunde Karriere machen, während du dich mit Aushilfsjobs über Wasser hältst, und wenn Unterhaltungen mit dem anderen Geschlecht stets in einer Katastrophe enden – dann ist daran nichts Gutes zu finden. Aber es ist ur-komisch.

Herzlich willkommen im Leben von Levni Yilmaz, einem Protagonisten, der sich in nur drei Details von anderen Comic-Super-Helden unterscheidet: a) ihn gibt es wirklich, b) er hat keine übermenschlichen Kräfte und c) die ganze Welt weiß, dass er im wahren Leben ein Dasein als Außenseiter fristet.

In seiner autobiografischen Cartoon-Serie „Tales of mere Existence“ erzählt der Kalifornier kleine Episoden aus seinem Leben. Es geht um Versagensängste, Identitätskrisen, zwischenmenschliche Beziehungen und persönliche Schwächen. Yilmaz ist ein scharfsinniger Beobachter und meisterhafter Erzähler, kompromisslos offen und erfrischend selbstironisch.

Die Technik stammt von Picasso

Nach ein paar Folgen glaubt man, diesen Lev schon ziemlich gut zu kennen. Als Kind war er ängstlich, als Jugendlicher unsicher, als junger Erwachsener exzentrisch – und jetzt? Jetzt muss er feststellen, dass sich „in so vieler Hinsicht nichts geändert hat“. Nur seinen Eltern fühlt er sich heute näher als damals. Vieles kommt dem Zuschauer seltsam vertraut vor. Die Frage drängt sich früher oder später auf: Sind wir nicht alle ein bisschen Yilmaz?

Yilmaz' Beobachtungen sind präzise und eine Erzählungen detailreich. Die Darstellungsform ist umso simpler. Manchmal sind die Zeichnungen nicht mehr als Strichmännchen, die der Filmemacher auf halbtransparentes Papier malt. Sie erscheinen wie von Geisterhand vor der Kamera. Einzeln hinzugefügte Striche ersetzen die Bewegung eines animierten Cartoons. Die Technik hat sich Yilmaz von der französischen Dokumentation „Le mystère Picasso“ von 1956 abgeguckt. Heute, in Zeiten der aufwändigen 3D-Anmiationen, bereitet es dem Künstler eine diebische Freude, seinen Kollegen im Kurzfilmgeschäft zurufen zu können: „Seht her! Es braucht nicht viel, um eine gute Geschichte zu erzählen.“

Dabei wurde das Format aus der Not eines mittel- und namenlosen Künstlers heraus geboren. Der erste Cartoon entstand Ende der Neunziger und handelte von einer Party. Yilmaz war gerade aus seiner Heimatstadt Boston nach San Francisco gezogen, wo er auf eine Karriere als Filmemacher hoffte. Doch dem scheuen jungen Mann fällt es schwer, Kontakte zu knüpfen oder die richtigen Worte zu finden. Ein selbstbewusstes Auftreten ist nicht gerade sein Ding – ein Problem, das er in seiner Serie immer wieder thematisiert.

Mit der Online-Cartoonserie schlägt der Künstler schließlich zwei Fliegen mit einer Klappe: Sie dient zur Selbstdarstellung und Eigentherapie. Er sei einsam gewesen und habe es satt gehabt, immer unterbrochen zu werden, so Yilmaz später voller Selbstironie.

„Lieber Nase als Arschloch“

Die Rechnung geht auf – zumindest teilweise. Tatsächlich werden etablierte Sender und Filmemacher auf Yilmaz aufmerksam. Einzelne Folgen der „Tales“ laufen im US-Kabelfernsehen, auf Comedy Central und arte. Auf Filmfestivals ist Yilmaz oft der Liebling des Publikums.

Doch das Internet ist und bleibt das Zuhause der Serie. Die Video-Plattform Youtube gibt Yilmaz die Freiheit zu publizieren, was er will und wann er will. Über seine Webseite vertreibt er DVDs und Fanartikel zur Serie.
2009 erschien das erste offizielle Buch „Sunny Side Down“ beim Verlag Simon & Schuster. An der Comic-Autobiografe offenbart sich das Dilemma der Serie: Die Zeichnungen sind zu marginal und die Texte zu sperrig, um einen guten Comic abzugeben. Erst Yilmaz' träge Erzählstimme verleiht den Episoden die nötige Würze. Sie scheint den Zuschauern suggerieren zu wollen: „das ist nicht lustig!“ während Yilmaz genüsslich das menschliche Verhalten bis auf sein tragisch-komisches Gerippe seziert. Bevor der Zuschauer aber im Tiefsinn vergehen kann, überrascht ihn der Cartoonist mit einem derben Spruch. Was beispielsweise mit der philosophischen Frage „Wer will ich sein?“ beginnt, endet mit der lapidaren Feststellung: „lieber die Nase als das Arschloch.“ Auf das geseufzte „Hach...!“ folgt das johlende „Bam!“ - und die Leichtigkeit des Seins ist wieder hergestellt.

Zu Yilmaz' Erzählstil zwischen Sarkasmus und Ernsthaftigkeit passt die Liste seiner Vorbilder, die ihn zu der Serie inspirierten: Matt Groening's „Life in Hell“ und Kurt Vonnegut's „Breakfast of Champions“. Auch der Einfluss von Don Hertzfeldt, der mit seinen bitterbösen Strichmännchen-Cartoons regelmäßig für Furore sorgt (unvergessen: die Serie „Rejected“), macht sich in Yilmaz' Filmchen bemerkbar.

In letzter Zeit wurde es still um ihn - wieso, verrät ein Video

Auf Ratschläge wie „sei nicht immer so negativ!“ oder „schreib doch mal was Nettes“ reagiert Yilmaz - natürlich - mit Video-Botschaften. In „My nice nice Day“ (übertitelt mit: „Tales of being remarkably well-adjusted“) parodiert er seine eigene Serie, indem er das Bild von einem jungen Mann zeichnet, der mit sich und der Welt im Reinen ist. Das ist nicht nur unglaubwürdig, sondern auch langweilig. Klarer hätte er seinen Standpunkt nicht machen können.

Yilmaz' Offenheit ist schlichtweg schockierend und entwaffnend zugleich. Nicht umsonst trägt die Serie den Untertitel „stuff you think but don't talk about“. Die Videos sind persönliche Bekenntnisse. Aber das sind sie auch für die Zuschauer, die die Youtube-Clips auf Facebook und anderen sozialen Plattformen mit ihren Freunden teilen. Es ist wohl kein Zufall, dass ausgerechnet die Videos „Procastination“ und „How to break up with your girlfriend“ millionenfach geklickt wurden.

Yilmaz macht alles zum Thema, was ihm in den Sinn kommt. Und wenn das nichts ist? – Dann ist das eben so. Der Zeichner und Filmemacher hat keine Scheu davor, mehrere Minuten mit sinnlosen Kritzeleien und Geplapper zu füllen. Weit über 100 Folgen hat er produziert. In letzter Zeit aber ist es im Youtube-Kanal verdächtig still geworden. Die Erklärung liefert Yilmaz gleich mit: Das letzte Video wurde im Februar veröffentlicht und trägt den Titel „Mute/Numb“. „Ich bin nicht in der Stimmung, über irgendetwas zu reden“, heißt es darin. „Ich bin nicht sicher, ob es bedeutet, dass ich keine Worte mehr finde, oder einfach keine Meinung mehr habe.“

In einem Interview im April beteuerte Yilmaz noch, er sei noch lange nicht am Ende mit der Serie. Andernfalls würde er ein neues Format entwickeln. Solange können sich die Fans also auf neuen Stoff freuen. Doch Kreativität braucht eben Zeit. Das Ende von „Mute/Numb“ macht jedenfalls Hoffnung. Ein lustloser Lev lümmelt da vor dem Fernseher herum, schwärmt davon „wie beruhigend, wie friedlich das alles ist und wie halbstark du dich fühlst, weil dich jetzt nichts mehr berühren kann“. Es gibt nur ein Problem: „Die ganze Zeit bist du dir voll bewusst, wie scheiße das alles ist.“

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