Teppich von Bayeux : Die feierliche Rückkehr des Mittelalter-Comics

Der Teppich von Bayeux erzählt mit Bildern und Worten eine Siegergeschichte. 950 Jahre später kehrt der mittelalterliche Comic zum Ursprung zurück.

Alexander Brüggemann
Bilder und Worte: Dieses Krönungsszene von Harold II. findet sich auch auf dem Teppich.
Bilder und Worte: Dieses Krönungsszene von Harold II. findet sich auch auf dem Teppich.Foto: Creative Commons CC0 1.0

Die Schlacht von Hastings 1066, der Sieg der Angreifer, der französischen Normannen, und ihre lange Herrschaft haben England zum festen Bestandteil der europäischen Staatenfamilie gemacht. Der normannische Herzog Wilhelm „der Bastard“ wurde zum englischen König Wilhelm „dem Eroberer“ (1066-1087). Und durch Heirat entstand später kurzzeitig ein europäisches Westreich, das von Schottland bis zu den Pyrenäen reichte.

„Keiner sonst hat je die Insel eingenommen“, sagt der Historiker Alain Dolbecq aus Falaise, dem Geburtsort Wilhelms in der Normandie: „Julius Caesar nicht, Karl der Große nicht, Napoleon nicht und Adolf Hitler nicht.“ Für die Engländer gibt es bis heute „die Zeit vor Hastings und die Zeit nach Hastings“.

Der Wandteppich von Bayeux (Departement Calvados) in der Normandie ist eine Art mittelalterlicher Comic; allerdings ein politischer, ja propagandistischer Comic. Er hat Hastings zu einer der berühmtesten Schlachten der europäischen Geschichte gemacht. Das 68 Meter lange Textil erzählt in 58 gestickten Szenen detailliert die Geschichte der Schlacht, freilich aus der Sicht des Siegers, „Wilhelms des Eroberers“. Seit Anfang Dezember ist der Teppich nun für fünf Wochen in jene Kirche zurückgekehrt, für die er gewebt wurde, die Kathedrale von Bayeux - als multimediales Spektakel für alle Sinne.

Seit 2007 gehört der Teppich zum Weltdokumentenerbe der Unesco

Das Tableau: „Wilhelm der Bastard“, Herzog der Normandie, grob, dynastisch angefochten, ambitioniert. Bischof Odo von Bayeux, sein Halbbruder. Die normannischen Ansprüche auf den englischen Thron stehen auf sehr dünnen Beinen - ja eigentlich lediglich auf einer durch die Quellen unbestätigten Behauptung: der verstorbene englische König Edward und Wilhelms Thronrivale Harold Godwinson hätten beide ihm, Wilhelm, vorab Englands Krone versprochen.

Der Teppich - mit seiner Version selbst eine Geschichtsquelle ersten Ranges - verwendet einige Meter Stoff auf diese beiden angeblichen Eide. Wegen seiner Detailfülle und des durchdachten Storyboards zählt der Teppich von Bayeux zu den bedeutendsten Bilddarstellungen des Hochmittelalters. Seit 2007 gehört er zum Weltdokumentenerbe der Unesco.

Die kunstvolle Stickerei entstand wohl vor 1082 in Südengland. Abgebildet sind mehr als 600 Menschen, 200 Pferde, rund 550 andere Tiere sowie 40 Schiffe. Als mögliche Auftraggeber kommen drei Personen in Betracht: Bischof Odo von Bayeux, der Halbbruder Wilhelms und Teilnehmer des Feldzugs; ebenso wie zweitens der französische Graf Eustachius von Boulogne. Dieser legte sich später militärisch erfolglos mit Odo an - und beauftragte den Teppich möglicherweise als Versöhnungsgeschenk.

Fast endete das Kunstwerk als Wagenplane für einen Militärtransport

Und drittens die Schwester des besiegten Königs Harald II. und Witwe König Edwards des Bekenners, Edith von Wessex. Der normannische Sieger Wilhelm enteignete zwar den Großteil des angelsächsischen Adels, verschonte jedoch ausgerechnet Edith. Möglich, dass die Hochgebildete im Gegenzug durch die gestickte Geschichtsinterpretation propagandawirksam Wilhelms Herrschaftsanspruch anerkannte.

Im späten Mittelalter wurde der Teppich alljährlich in der Kathedrale von Bayeux zur Schau gestellt. In der Französischen Revolution dann verhinderte nur das Eingreifen eines kundigen Bürgers, dass dieses unersetzliche Kunstwerk 1792 als gewöhnliche Wagenplane für einen Militärtransport endete. Auch 1794 kamen Kunstverständige einem Kleinschneiden für Deko-Zwecke zuvor. 1803 ließ Napoleon den Teppich als Propagandamaterial für seinen geplanten England-Feldzug nach Paris bringen. Zwar kehrte der kurz darauf nach Bayeux zurück, nahm jedoch in der Folge durch falsche Lagerung Schaden.

Im Zweiten Weltkrieg wurde der Wandteppich von den NS-Besatzern erneut ideologisch missbraucht - diesmal um eine angebliche kämpferische und rassische Überlegenheit nordisch-arischer Völker zu belegen. Auf SS-Irrwegen gelangte er erneut in den Pariser Louvre und 1945 wieder zurück nach Bayeux. Seit 1982 wird er im dortigen „Centre Guillaume le Conquerant“ ausgestellt, wo er seitdem von rund 14 Millionen Besuchern betrachtet wurde. Und nun also wieder die Kathedrale. (KNA)

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