Underground-Comics : „Ich bin gerne unsichtbar“

In einem aktuellen Interview erklärt Robert Crumb, wie er zum Zeichnen kam, wie er auf Kritiker reagiert und warum er keine Skizzenbücher mehr anlegt. In Kürze erscheinen diese als Edelausgabe.

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Ängstliches Männlein: Diese Farbzeichnung von Crumb gibt's als Bonus zur Luxusausgabe dazu.
Ängstliches Männlein: Diese Farbzeichnung von Crumb gibt's als Bonus zur Luxusausgabe dazu.Foto: Taschen

Berühmtsein hat Robert Crumb das Führen von Skizzenbüchern verleidet. Dies gesteht der Pionier des Underground-Comics im aktuellen Werbemagazin des Taschen-Verlags. Anlass ist die Publikation seiner gesammelten Skizzenbücher in einer Edelausgabe in zwei Schubern und zwölf Bänden, die der Verlag bis 2013 vollständig vorlegen will. Zuletzt hatte Taschen mit seiner umfangreichen Geschichte der DC-Comics im XL-Format Aufsehen erregt.

Mit seinen voluminösen Zeichnungen prägt Robert Crumb die Comicgeschichte wie kaum ein anderer. Nicht nur Comicfans kennen die fleischigen Matronen und skurrilen Nerds aus seiner Hand. Legendär auch die Geschichte, dass er die ersten Ausgaben des von ihm gegründeten ZAP-Magazins aus dem Kinderwagen heraus selbst verkauft hat. Auf dem Titel der Nummer eins: Mr. Natural, ein weiser Mann mit langem Bart, der 1960 erstmals in Crumbs Skizzenbüchern und später immer wieder in seinen Werken auftauchen wird.

Angefangen mit der Zeichnerei habe er in der Hoffnung, besser bei Frauen anzukommen, erklärt Crumb. „Aber das funktionierte überhaupt nicht. Frauen fanden Typen, die Comics zeichneten, völlig uninteressant. Comics waren so ziemlich das Allerletzte, was irgendwie Glamour verbreitete.“ Angeregt von S. Clay Wilson begann Crumb Ende der 1960er Jahre, hemmungslose Sexfantasien zu zeichnen – immer überexplizit, stets überzeichnet. Crumbs Charaktere wirkten geradezu clownesk, sie sind die Hippies in der Comicszene. Diese ironisierenden Zeichnungen werden in ihrer Wirkung noch gesteigert, indem Crumb Text und Bild konträr gegenüberstellt. Die harmlosesten Bilder sind mit den derbsten Dialogen versehen, so dass man sich als Leser die Augen reibt und nicht weiß, was einen mehr schockiert: die naiven Zeichnungen oder der schamlose Text. Diese provokante Kombination ist das Markenzeichen von Crumbs ironischem Anstrich, den er sich bei Comicgroßmeister Harvey Kurtzman abgeschaut hat.

Dunkle Ecken: Einige Zeichnungen aus dem Buch.
Dunkle Ecken: Einige Zeichnungen aus dem Buch.Foto: Taschen

Verstanden haben diese Ironie anfangs nur wenige, nicht einmal bei den „Hippiemädchen“ soll Crumb mit seinen Zeichnungen angekommen sein.  Als Zeichner war er lange Zeit umstritten. Immer wieder musste er sich mit Vorwürfen auseinandersetzen, er sei sexistisch, rassistisch oder antisemitisch. Seine Zeichnungen gaben Anlass dazu. Auf die Vorwürfe wusste Crumb stets zu reagieren: „Aber all dieser Quatsch ist doch tief in unserer Kultur und unserem Kollektivgedächtnis verwurzelt, und nun muss man damit umgehen. Er ist in mir. Er ist in jedem von uns“, schrieb er in den 1970ern zu seiner Verteidigung. Es  ist letztlich ein Treppenwitz der Geschichte, dass genau jene Arbeiten Crumbs, die als „böse und verboten“ angesehen wurden, heute die größte Nachfrage genießen.

Den Ursprüngen dieser Fantasien soll man nun in den Skizzenbüchern nachgehen können. „Wer sich durch die Hunderte von Seiten auf Gedeih und Verderb durchgewühlt hat, lernt so ziemlich jede dunkle Ecke meiner Seele kennen“, erklärt Crumb im Magazin des Taschen-Verlags, der in den nächsten Wochen den ersten Schuber mit den sechs Bänden der zwischen 1982 und 2011 entstandenen Skizzen vorlegen will. Da sind dann wohl auch die Skizzen für seine monumentale Bibel-Adaption „Genesis“ enthalten, die 2009 im Carlsen-Verlag erschienen ist.

Im Gegensatz zu den bereits zwischen 1981 und 1997 im Verlag Zweitausendeins publizierten Skizzenbüchern enthält die Taschen-Ausgabe nicht jede Zeichnung, sondern lediglich von Crumb selbst ausgewählte Best-Of-Crumb-Zeichnungen. Nur 1000 nummerierte Exemplare will der Verlag von dieser Auswahl vorlegen. Dazu gibt es eine signierte Farbzeichnung von Crumb, die ein kleines ängstliches Männlein zeigt, der der Aussage zufolge in Crumbs Kopf lebt.

Neuausgabe: Im Oktober soll der Sammelband „Nausea“ bei Reprodukt erscheinen.
Neuausgabe: Im Oktober soll der Sammelband „Nausea“ bei Reprodukt erscheinen.Foto: Reprodukt

Neben den Skizzenbüchern erscheint im Oktober mit „Nausea“ bei Reprodukt übrigens ein weiterer werkerschließender Titel. Nachdem der Verlag Crumb vor 13 Jahren schon einmal als Autor gewinnen konnte und eine Sammlung der beliebten „Fritz the Cat“-Geschichten herausgab, ist „Nausea“ eine Sammlung von Geschichten aus den frühen 1980er-Jahren, in denen sich Crumb auf ganz unterschiedliche Weise mit Literatur auseinandersetzt. Darin illustriert er Sartres „Der Ekel" ebenso wie Anekdoten aus dem erzählerischen Universum von Philip K. Dick oder Richard von Krafft-Ebings „Psychopathia Sexualis“. „Nausea“ soll den Auftakt zu einer Neuausgabe des Crumb’schen Oeuvres in bibliophiler Aufmachung bilden und ist von keinem geringeren als Harry Rowohlt übersetzt.

Aber zurück zur Frage, warum Crumb eigentlich nicht mehr systematisch Skizzenbücher führt. Er selbst sagt, dass liege  daran, dass er so berühmt sei und sich die Leute nach jeder Kritzelei von ihm die Finger lecken würden. „Sie wollen immer sehen, was ich zeichne. Sie bitten mich um Skizzen, und dann gehen gleich große Diskussionen darüber los, wie viele meine Skizzen wohl wert sind. Am liebsten würde ich sie dann zerreißen.“

Dies hat er dann offenbarr doch nicht getan, denn allein die in den ersten sechs Bänden enthaltenen Skizzen umfassen beeindruckende 1344 Seiten. Ein limitiertes Mammutwerk, für das der Verlag dann auch schlappe 750 Euro verlangt. Man muss als nicht nur Fan und Sammler, sondern auch finanzstark sein, um an Crumbs Skizzen zu kommen, die immer seltener werden – denn das Führen von Skizzenbüchern hat er weitgehend eingestellt.

Opulent: Die Skizzenbücher von außen.
Opulent: Die Skizzenbücher von außen.Foto: Taschen

Crumb selbst schreibt im Magazin, dass er zwar ständig denke, er sollte wieder beginnen, spontan zu zeichnen, weil dabei viele Ideen entstünden. Aber er lässt es. „Ich bin inzwischen einfach zu befangen, der kommerzielle Aspekt hat das Kreative, Spielerische des Skizzierens abgetötet.“ Darin liegt wohl die bittere Ironie dieser Nobelausgabe. Der herausgebende Verlag versucht gemeinsam mit dem Comicgenie Robert Crumb, der die permanente Be-Wert-ung seiner Werke als Arbeitshemmnis beklagt, das Maximale aus seinen Zeichnungen herauszuschlagen. Der kommerzielle Aspekt hat eben gesiegt.

Diane Hanson (Hrsg.): Robert Crumb. The Sketchbooks. 1982-2011. Hardcover, 6 Bände im Schuber, inkl. signiertem Print. 20,5 x 27 cm. Taschen 2012. 1344 Seiten, 750,- Euro
Robert Crumb: Nausea. Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Reprodukt 2012. 112 Seiten, 29,90 Euro.

 

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