Vampir-Trilogie „D“ : Viktorianisches Vexierspiel

Die Vampire sind unter uns: Die jetzt vollständig vorliegende Trilogie „D“ verbindet charmante Genrekost mit hintergründigen Diskursen über Politik und Gesellschaft.

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Es wird Blut geben. Eine Seite aus dem dritten und letzten Band von „D“.
Es wird Blut geben. Eine Seite aus dem dritten und letzten Band von „D“.Foto: Splitter

Das dreibändige Vexierspiel ist zu Ende, leider. Ein fulminanter Abschlussband vollendet diese gelungene Serie mit ihren blutrünstigen und machtbewussten Protagonisten. Leider war das elegant-spöttische, im viktorianischen England angesiedelte Szenario nur auf diese knapp 180 Seiten begrenzt. Diese Kürze ist betrüblich, denn der Comic geizt nicht mit klugen politischen, wirtschaftlichen und historischen Anspielungen und seine subversive Kraft verbirgt sich gerade in dieser Beiläufigkeit.

Im Gewand einer vergnüglichen Vampirjagd wird ein Prisma des Zeitenwechsels im britische Kolonialempire präsentiert.  Und während der Leser dieser offensichtlichen Spur folgt, entfaltet sich hier ein stimmiges Sitten- und Epochengemälde einer vergangenen Zeit, das mit manch einem unaufgeregt eingeflochtenen gesellschaftskritischen Zwischenton glänzt, der auch zeitaktuell gelesen werden kann, vielleicht sogar muss. Ayroles überlässt es dem Leser diese Erzählung auszudeuten. Ist „D“ möglicherweise nur charmante Genrekost mit glitzerfreien Bluttrinkern? Diese Lesart ist möglich. Aber vielleicht überrascht uns hier eine zweite, erschreckendere Möglichkeit. Wird hier nicht eine zwischentonreiche Alternativhistorie skizziert, in deren Schatten Vampire die Börsen beherrschen? In der diese alten Wesen ihren Stammsitz in den windigen, entlegenen Karpaten gegen gepflegte, südenglische Fürstentümer eintauschten? 

Parallelen zu „True Blood“

Versucht man sich an einem Referenzrahmen für dieses Szenario, stößt man auf den HBO-Neovampirklassiker „True Blood“. Denn auch hier befinden sich finanzstarke, technologiebegeisterte Fangzähne unter uns. Auch hier werden uns diese Wesen in ihrer Zwiegestalt als anachronistische Kreaturen und gleichsam hochprofessionell agierende Geschäftemacher, als perfekt angepasste Akteure des Marktes präsentiert. 

Jeder der drei Bände von „D“ ist einer speziellen Figur gewidmet und einem hintergründig geführten Diskurs. Das wirklich faszinierende Merkmal der Serie ist die ihr innewohnende Komplexität. Während viele historische Narrative den politischen Subtext eher meiden, finden sich hier Anspielungen auf zahlreiche gesellschaftskritische Thematiken. Der offen rassistische britische Kolonialismus wird ebenso zum Gegenstand gemacht wie die gesellschaftliche Unfreiheit der Frau zum Ende des vorletzten Jahrhunderts. Die himmelschreiende Armut des Londoner Stadtproletariats wird mit den rauschenden, ausschweifenden Festivitäten des Adels parallelisiert. Ein Gesamtbild mit Vampiren.

Während im modernen HBO-Narrativ die Menschheit von der Existenz der Bluttrinker erfahren hat, welche sich aber inzwischen durch ein synthetisch hergestelltes Blutgenerika auch entscheiden können, nicht an den Mitmenschen zu naschen und somit ein Koexistenz beider Wesen möglich ist, liegt bei „D“ quasi die klassische Form der Vampirerzählung vor. Man kennt zwar die Gassenhauer von den bestialischen Morden und die Polizeiberichte raunen von blutleeren Leichen, aber der wandelnde Tote bleibt ein Aberglaube, in der sich gerade aufklärenden Welt.

Sittengemälde einer vergangenen Zeit: Eine weitere Seite aus dem Abschlussband.
Sittengemälde einer vergangenen Zeit: Eine weitere Seite aus dem Abschlussband.Foto: Splitter

Gerade diese historische Bruchstelle, an welcher der Comic situiert ist, begünstigt dieses Vexierspiel zwischen Aberglaube und Vernunftsdenken. Auf einer zweiten Ebene setzt sich dieses Spiel fort. Zahllose moderne Anspielungen wurden in die historische Erzählung eingewoben. So werden der Blutdurst und das Proletariat in eine neue Beziehung gesetzt, denn in einer riesenhaften Metropole, die für zahllose Arme ein Zuhause ist, bemerkt man das Verschwinden Einzelner nur selten. In Fabriken sterben Menschen, der Arbeitsschutz ist noch nicht auf der Agenda. Und den Ammenmärchen der hysterischen Trinker glaubt man nicht, schließlich ist das Empire gerade angetreten die Fackeln der Aufklärung in alle Welt zu tragen. Wie könnte man dort dunkle Gesänge in den heimischen Gassen dulden?

Wie ein Pakt zwischen Dealer und Süchtigen

Anhand des fintenreichen Spiels mit den Leseerwartung wird der leider etwas blutleer gewordenen Tradition der Vampirgeschichten neues Leben einhaucht. Die elegante Täuschung wirkt. Auch die Figurenzeichnung versteht zu überzeugen, jedem Band wurde eine zentrale Figur zugeteilt, die auch immer der Titelgeber des jeweiligen Bandes ist, sie sollen kurz vorgestellt werden.

Der erste Teil der Serie widmet sich einer genretypischen Figur. „Lord Faureston“, der blasse Dandy mit den unzeitgemäß gewordenen Umgangsformen. Becircend, launisch, manipulativ, erregend. Sein Versprechen der ewigen Jugend und Schönheit lockt mehr als eine solvente Dame der britischen Aristokratie in seine Arme. Doch hier bleibt wenig Raum für Romantik. Zwar überreichen die Bedienstete ihrer Ladyschaft oftmals die pralle Rosensträuße des Galans, aber die Beziehung zwischen beiden wirkt eher wie ein machtbewusster Pakt zwischen Dealer und einer hilflosen Süchtigen.

Finale: Das Cover des dritten Bandes.
Finale: Das Cover des dritten Bandes.Foto: Splitter

Der zweite Band rückt mit „Lady D’Angeres“ eine Vampirin in den Mittelpunkt und somit findet auch der Feminismus seinen Widerhall. Dieser wird anhand der gesellschaftlichen Situation einer Figur trefflich in Bild gesetzt, welche sich konträr zur vorherrschten Etikette nicht mit einem Adeligen einließ und auch die leiblichen Lust nicht erst auf dem ehelichen Lager entdeckt. Charmant, stimmig und unaufdringlich. Aber natürlich findet in diesem Teil des Vexierspiels noch erheblich mehr statt als dies.

Der dritte Teil rund um „Mister Caulard“ ist womöglich der wendungsreichste der Serie. Bereits im Titel ist sein Thema angelegt. Nicht Lord, nicht Lady, sondern Mister - das Bürgertum erhebt sich.  Während der altertümliche Vampir in seinem Schloss verweilte und von dem Vermögen der Familie zehrte, betätigt sich der moderne Abkömmling als Fabrikeigner und Kanonenbootbauer. Aber, er ist auch ganz im Sinne seiner Investitionen, der bellizistischen Lobbyarbeit gegen eine konkurrierende Kolonialmacht nicht abgeneigt. Gleichsam ist der untote Unternehmer (nach Eigenaussage) sorgsam darum bemüht der „blumige(n) Sprache der Gossensozialisten“ keinen weiteren Gesprächsstoff zu liefern.

Hier zeigt sich die Größe des Comics, denn durch die Aufnahme des historischen Bildes der blutsaugenden Kapitalisten, die sich an den Lebenssäften der unterworfenen Arbeitern laben, entsteht eine sonderbare Spannung, die diese doppelte Lesbarkeit der Serie so außergewöhnlich macht. Und uns bewusst macht, dass vieles dieser alten Welt der heutigen noch innewohnt. Denn die Propagandabilder der parasitären Börsianer und Kapitalisten haben nichts von ihrer Wirkmacht verloren und stehen bei Demagogen noch immer hoch im Kurs. Oder hatten die Gossensozialisten etwa Recht?

Alain Ayroles / Bruno Maiorana: „D“, Übersetzung Tanja Krämling, Splitter Verlag, drei Bände, je 13,80-14,80 Euro / 56-64 Seiten