Vampircomic : Die Folgen der Bisswirtschaft

Howard Chaykins "Bite Club" zeigt Vampire als Mafiagangster. Und erklärt, warum Blutsauger tendenziell Atheisten sind.

Sebastian Leber
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Zähne zeigen. Die Vampire des "Bite Club"-Universums sind skrupellos, gewalttätig und vor allem renditefixiert.Foto: Panini

Der Trick ist ziemlich einfach. Und funktioniert jedes Mal. Weil es im Grunde schon viel zu viele Filme, Romane und Comics über Vampire gibt und man eigentlich meinen sollte, die Welt brauche kein weiteres Blutsauger-Abenteuer, ist es unter Autoren des Genres üblich, erst einmal alle bisherigen Vampir-Darstellungen für veraltet und kitschig zu erklären - um dann die eigene vermeintliche Wahrheit verkünden zu können. Wer bitte glaubt heute noch an Graf Dracula aus Transsilvanien? Wer glaubt ernsthaft, dass Vampire keinen Schatten haben und Knoblauch hassen? So ein Quatsch.

Der heutige Vampir ist postmodern. Entweder hat er keine Angst vor Kreuzen (wie in "Blade") oder er lässt sich nicht bloß durch Pflöcke ins Herz, sondern auch durch gezielte Karate-Schläge erledigen ("Buffy - im Bann der Dämonen"). Mal jagt er am liebsten in Rudeln ("30 Days of Night"), mal führt er seit Jahrtausenden einen hoch geheimen Krieg gegen die Sippe der Werwölfe ("Underworld"). Die Autoren sind auch erfinderisch, wenn es darum geht, die Herkunft der Spezies zu erklären: Mal ist eine Seuche schuld ("I am legend"), mal sind Vampire schlicht Nachkommen des biblischen Verräters Judas, den Gott auf diesem Weg bestrafen wollte ("Dracula 2000"). Oder besser noch: die Nachkommen Kains ("Vampire - The Masquerade") - die Möglichkeiten sind zahlreich.

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Auch Howard Chaykins Vampircomic "Bite Club", der gerade auf Deutsch erschienen ist, hat seinen eigenen Erklärungsansatz, mit dem er sich von anderen Veröffentlichungen abgrenzen will: Diesmal soll es eine krankhafte Genveränderung sein, die gewöhnlichen Menschen spitze Eckzähne, Blutdurst und böse Kräfte verleiht. Allein in Floridas Hauptstadt Miami, in der "Bite Club" spielt, leben demnach inzwischen 300 000 Vampire, vom Staat als "ethnische Minderheit" eingestuft und von der Mehrheitsgesellschaft diskriminiert wie gefürchtet. Letzteres nicht ganz zu Unrecht, denn das Organisierte Verbrechen der Stadt ist fest in den Händen der Vampirfamilie Del Toro. Miamis Politiker sind hilflos, auch die eigens eingerichtete Spezialeinheit der Polizei, die "Vampire Crime Unit", greift nicht durch.

Im "Bite Club"-Universum können Blutsauger a) nicht fliegen und b) sterben, was der Leser gleich zu Beginn erfährt, als das Oberhaupt des Mafiaclans aus dem Appartement eines Hochhauses gestoßen wird. Nun bricht ein brutaler Streit um die Nachfolge aus - einer muss das Drogen-Kartell schließlich leiten - und die Del-Toro-Geschwister hecken Intrigen aus, um sich gegenseitig in Fallen zu locken. Das ist unterhaltsam und kurzweilig erzählt, die vier parallel verlaufenden Handlungsstränge sind unterschiedlich koloriert, so dass der Leser den Überblick behält. Die besten Chancen auf die Thron-Nachfolge hat übrigens Sohn Leto, der eigentlich Priester werden wollte. Ja, laut Chaykin dürfen Vampire Kirchenämter übernehmen. Obwohl 99 Prozent Atheisten sind, weil leider alle großen Weltreligionen ein Problem mit dem Genuss von Menschenblut haben.

"Bite Club" war ursprünglich als sechsteilige Mini-Serie geplant, der deutsche Sammelband fasst die bisher erschienenen Abenteuer nun zusammen. Weitere Folgen sind in Planung.
Howard Chaykin: Bite Club, Panini-Verlag, 140 Seiten, 16,95 Euro.


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