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Veranstaltungen : Zwischen Hype und Hochkultur

14.09.2011 15:44 Uhrvon
Kapitän Irmina: Eine Szene aus Barbara Yelins aktueller Arbeit, die auf dem Literaturfestival vorgestellt wurde. Illustration: Yelin/SpringBild vergrößern
Kapitän Irmina: Eine Szene aus Barbara Yelins aktueller Arbeit, die auf dem Literaturfestival vorgestellt wurde. - Illustration: Yelin/Spring

Das Internationale Literaturfestival Berlin wagte sich an den Comic - und will wegen der guten Resonanz auch künftig Graphic-Novel-Tage veranstalten.

Ein hierzulande etwas vernachlässigtes Genre vorstellen, dass wollte am vergangenen Wochenende das Literaturfestival in Berlin und meinte damit die Graphic Novel. Diesem oft als literaturaffin gekennzeichneten Zweig des Comics widmete man am Samstag daher gleich zwei Veranstaltungen mit prominenter Besetzung. In Zusammenarbeit mit EUNIC, der Gemeinschaft europäischer Kulturinstitute in Berlin, stellte man unter Moderation durch Tagesspiegel-Redakteur Lars von Törne in zwei Blöcken die Künstler dem Publikum vor, die durch sich daran anschließende Diskussionen abgerundet wurden.

Neben Kreativen aus ganz Europa, darunter Finnland, Polen, Rumänien und Schweden, präsentierte man unter anderem Alecos Papadatos aus Griechenland, der die Biographie „Logicomix“ über den Nobelpreisträger Bertrand Russel bebilderte, die für den Sondermann-Preis auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nominiert ist.

Ebenfalls zu Gast waren der Franzose Bernhard Granger, als Autor der formalästhetischen Pulp-Hommage „Flucht nach Abecederia“ besser unter seinem Künstlernamen Blexbolex bekannt, die in Frankreich erfolgreiche, aber aus Deutschland stammende Zeichnerin der soziopathologischen Bestandsaufnahme „Gift“, Babara Yelin, und der renommierte Italiener Lorenzo Mattotti, dessen Erzählung „Feuer“ das Medium Comic bereits Mitte der 1980er Jahre mit einem bis dahin ungekannten Einsatz von Form und Farbe als erzählerische Mittel revolutionierte.

Viele Seiten und ein Buchdeckel machen einen Comic noch nicht gehaltvoll

Die zweite Gesprächsrunde zeigte dann allerdings, dass die Künstler mit der als Marketingbegriff empfundenen Bezeichnung „Graphic Novel“ keinesfalls sonderlich glücklich sind. Besonders Mattotti beklagte einen Mangel an Geschichtsbewusstsein der Leser gegenüber den prägenden Künstlern der Comics und führte dies auf eine Verwandtschaft zur Popkultur zurück, in der nur der aktuelle Hype zähle und sonst nichts. Wer kenne schon noch Alberto Breccia oder wisse, wer der eigentliche Erfinder der Comicfigur Popeye sei.

Von da war der thematische Sprung zu Comicfiguren als Verlagsfranchise und den vermeintlichen Kreativitätsknebelungsmethoden wie vorgegebenen Publikationsformaten naturgemäß nicht weit.

Von Edgar Allan Poe und Lou Reed inspiriert: Lorenzo Mattottis Illustrationen zu dem kürzlich in den USA veröffentlichten Gedichtband "The Raven". Foto: FantagraphicsBild vergrößern
Von Edgar Allan Poe und Lou Reed inspiriert: Lorenzo Mattottis Illustrationen zu dem kürzlich in den USA veröffentlichten Gedichtband "The Raven". - Foto: Fantagraphics

Sicher hat der spanische Künstler Ángel de la Calle recht, wenn er diese Umstände bemängelt, und gerade aktuell ist das Verhalten von Marvel-Comics gegenüber den Hinterbliebenen der amerikanischen Zeichnerlegende Jack Kirby (Fantastic Four, Hulk, X-Men etc.), wenn auch durch die Rechtssprechung abgesegnet, mehr als schäbig. Andererseits haben Formatvorgaben weder Alan Moore noch Neil Gaiman daran gehindert, tiefgründige Werke wie „Watchmen“ oder „Sandman“ innerhalb kommerziell orientierter Strukturen zu schaffen. Und ein Comic wird nicht automatisch gehaltvoller, wenn er als Buch daherkommt und unbegrenzt Seiten zum Erzählen zur Verfügung hat – was die von ökonomischen oder physikalischen Zwängen befreite Distributionsform im Online-Comic bereits jetzt zeigt.

So recht mochte sich also außer dem Bekritteln äußerer Umstände keine wirklich selbstkritische Reflektion des Mediums einstellen, was nicht nur treffend durch die unkommentierte Tatsache von Babara Yelins Anwesenheit als einziger Frau auf dem Podium zwischen vier männlichen Künstlern illustriert wurde, sondern besonders durch ihre Eigenschaft als einziger weiblicher Teilnehmerin an den Veranstaltungen zum Thema „Graphic Novel“ überhaupt. Aber wenigstens bot die Schaffung eines derartigen Forums auf dem Berliner Literaturfestival die Möglichkeit des Beginns einer Problemanalyse, um in Zukunft vielleicht auch die andere Hälfte der lesenden Weltbevölkerung zu erreichen.

Am Ende des gut besuchten Tages zogen die Veranstalter eine zufriedene Bilanz. Und schmiedeten schon erste Pläne für die Zukunft: Wegen der durchweg positiven Resonanz auf das Pilotprojekt, so war zu hören, soll es auch im nächsten Jahr beim Internationalen Literaturfestival wieder einen Graphic-Novel-Tag geben.  

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