Watchmen : 99 Kalte Krieger

Für die „Watchmen“-Verfilmung legten Zack Snyder und sein Team größten Wert auf Werktreue – mit einigen bemerkenswerten Einschränkungen.

Lars von Törne
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Antiheld. Jeffrey Dean Morgan als der zynische Comedian alias Edward Blake.Fotos: Promo

Ausgerechnet Nena! Wie ist Regisseur Zack Snyder („300“) bloß darauf gekommen, in einer Szene seiner „Watchmen“-Verfilmung gerade den Neue-Deutsche-Welle-Hit „99 Luftballons“ in den Soundtrack einzubauen? „Naja“, sagt der Regisseur. Er reibt sich die von vielen Interviews müden Augen im Dreitagebartgesicht und erklärt dann: „Das ist nun mal der ultimative Kalte-Kriegs-Song. Und es ist ein ironischer Kommentar zu der Welt, in der „Watchmen“ spielt. Also passt es da rein!“

Ende Februar war Snyder in Deutschland, um über seine Umsetzung von Alan Moores und Dave Gibbons’ Comic-Klassiker zu sprechen. Und er gab sich dabei jede Mühe, seine unbedingte Werktreue auch bezüglich jener Elemente zu betonen, die er von sich aus hinzugefügt hat und die dem Publikum nicht schon durch die „Watchmen“-Lektüre vertraut sind. Wie eben Nena.

Photocall "Watchmen - Die Waechter"
Weibliche Waffen. Beim Deutschlandbesuch zeigte sich Malin Akerman kürzlich von ihrer charmanten Seite - als "Silk Spectre" teilt...Foto: Lennart Preiss (ddp)

„Ich habe versucht, furchtlos an die Arbeit zu gehen und während der Dreharbeiten nicht ständig daran zu denken, welche enorme Bedeutung das Buch für mich und für die vielen anderen „Watchmen“-Fans hat“, erzählt Snyder im Interview. Zugleich habe er versucht, so viel wie möglich vom Original zu übertragen. Und tatsächlich: Seine Umsetzung ist bemerkenswert eng an die Comic-Vorlage angelehnt. Lediglich bei der leicht umgestellten Erzählstruktur und bei einigen zusätzlich ins Thema einführenden Szenen hat er sich ein paar Freiheiten erlaubt, auch hat er einige Parallel-Erzählstränge weggelassen, die die Haupthandlung zwar reflektieren, aber nicht direkt dazugehören.

„Mancher Eingriff war einfach nötig, damit auch diejenigen der Geschichte folgen können, die das Buch noch nicht kennen“, sagt er. So habe er das viel komplexer und verschachtelter angelegte Buch für den Film in vier Hauptteile gegliedert, die dann durch ein paar ergänzende, neue Szenen so zusammengefügt wurden. Einige parallele Handlungsverläufe, wie die sich durch das Buch ziehende Piraten-Geschichte, hat er für den Kinofilm ganz ausgelassen, will sie aber in einer von mehreren geplanten DVD-Ausgaben als Zusatz wieder einfügen.

Dass der Film so verblüffend nah an die Comicvorlage herankommt, erklären Snyder und sein Team mit einem ständigen Austausch mit dem Buch. Der Klassiker von Moore/Gibbons lag an jedem Drehtag in Griffweite des Regisseurs und seiner Crew, berichten Malin Akerman und Billy Crudup, die die Figuren der von ihrer Mutter in die Superheldinnenrolle gedrängten Laurie Jupiter/Silk Spectre II sowie des durch einen Unfall zum Übermenschen mutierten Jon Osterman/Dr. Manhattan spielen. „Zack hat jedem von uns ein Exemplar des Buches gegeben, noch bevor wir das Drehbuch hatten“, sagt Malin Akerman.

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Der Regisseur: Zack Snyder bei seinem Deutschlandbesuch Ende Februar.Foto: Lennart Preiss (ddp)

„Als Bezugspunkt war das unverzichtbar für uns, denn wir haben uns nicht nur visuell komplett daran orientiert, sondern auch versucht, so viele Dialoge und Charakterelemente der Hauptfiguren direkt zu übertragen“, ergänzt Billy Crudup. Bei jeder Diskussion im Team habe man das Buch zu Rate gezogen, mehrmals täglich hätten der Regisseur und seine Schauspieler nicht nur über das Drehbuch, sondern auch über Bilder und Dialoge von Moore und Gibbons gesprochen.

Für die Schauspieler war die omnipräsente Comic-Vorlage Segen und Herausforderung zugleich, sagt Billy Crudup alias Dr. Manhattan: „Das Buch wurde während der Dreharbeiten zu meinem besten Freund und zu meinem ärgsten Feind. Denn einerseits ist es fantastisch, wenn du als Schauspieler für jede Szene eine exakte visuelle Vorgabe hast, andererseits ist dadurch schon alles vorgezeichnet und du hast keinen Spielraum, um dir wie in anderen Filmen deinen Charakter selbst zu erarbeiten und ihn so zu schaffen, wie er für dich und alle anderen Mitwirkenden plausibel ist.“

Allerdings seien die vor allem von Alan Moore geschaffenen Charaktere im Comic dermaßen komplex und nachvollziehbar entworfen, dass die Schauspieler nur selten Probleme hatten, sie für den Film zu beleben. „Das ist eines der brillantesten und für mich als Nicht-Comic-Leser überraschendsten Stücke Literatur, das ich je in die Hände bekommen habe“, sagt Billy Crudup. „Ich hoffe, der Film verleitet möglichst viele Leute, sich auch das Buch zu besorgen, wenn sie es nicht schon kennen.“

Auch wenn Snyder sagt, während der Dreharbeiten zumindest nicht ständig daran gedacht zu haben, was wohl der von ihm verehrte Autor Alan Moore und sein Zeichner Dave Gibbons zu seiner Arbeit sagen, erinnern sich die Schauspieler doch noch gut, wie wichtig dem Regisseur das Wort zumindest eines der beiden „Watchmen“-Schöpfer war.

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Originalgetreu. Zack Snyders "Watchmen"-Verfilmung hält sich sehr eng an die Vorlage von Alan Moore und Dave Gibbons.Fotos: Promo

„Eines Tages besuchte uns Dave Gibbons am Set und gab zu erkennen, dass er es sehr gut findet, was Zack da aus seinen Bildern gemacht hat und dass er sich angesichts seiner dreidimensional nachgebauten Phantasiewelt wie ein Kind am Weihnachtsabend fühlt“, erinnert sich Patrick Wilson, der den müden Idealisten Dan Dreiberg/Nite Owl II spielt. „Das war für uns und vor allem für Zack ein großer Moment - ein bisschen so wie bei einem Kind, das die lang erhoffte Zustimmung seiner Eltern bekommt.“

Auf den erhofften Segen von Alan Moore werden Snyder und Co. aber wohl trotz ihrer großen Nähe zum Original verzichten müssen: Der Autor hat mehrfach deutlich gemacht, dass er von Comicverfilmungen nichts hält und dass es ihn einfach nicht mehr interessiert, wenn weitere seiner Bücher verfilmt werden.

In der Auseinandersetzung mit den Geldgebern des Films war der Drang zu größtmöglicher Werktreue übrigens nicht immer einfach, erinnert sich Snyder. „Es gab über manche Szenen lange Debatten mit den Studiobossen, ob diese Elemente im Film wirklich nötig sind.“

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So hätten ihn die Produzenten gefragt, ob er nicht einige besonders harte Szenen wie die versuchte Vergewaltigung der Superheldin Silk Spectre durch den Comedian (Jeffrey Dean Morgan) sowie die kaltblütige Ermordung der vietnamesischen Geliebten des Comedian herauslassen könnte. „Dann habe ich so lange auf sie eingeredet und darauf bestanden, dass auch diese Szenen unverzichtbarer Bestandteil der Geschichte sind, bis sie mich machen ließen“, sagt Snyder. „Sie haben’s nicht immer verstanden, aber sie haben es auch nicht mehr aktiv verhindern wollen.“ Wahrscheinlich hat ihm auch der unerwartete Kassenerfolg von „300“ zu einer solch guten Verhandlungsposition verholfen, mutmaßt er. „Die haben wohl gedacht: Der wird schon wissen, was er da tut.“

Hinweis: Unsere Watchmen-Verlosung ist beendet, die Gewinner werden per Post benachrichtigt.

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