„Weisse Wölfe“ von David Schraven und Jan Feindt : Hinsehen, wo es wehtut

Für die Comicreportage „Weisse Wölfe“ tauchen David Schraven und Jan Feindt tief ins Neonazi-Milieu ein. Jetzt sind sie dafür mit dem Reporterpreis ausgezeichnet worden.

Marie Schröer
Nazi-Sozialisation: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Nazi-Sozialisation: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Correctiv

Weisse Wölfe. Mit Doppel-S in Runenform prangt der Titel weiß und in fetten Lettern auf dem schwarzen Cover, darunter die Zeichnung eines auf den Betrachter gerichteten Pistolenlaufs. Die Anfang des Jahres veröffentlichte grafische Reportage über rechten Terror (so der Untertitel) nimmt sich eines Themas an, dem man sich auch nach der NSU-Affäre eher zögerlich nähert - und sie wurde am Montagabend dafür mit dem renommierten Reporterpreis in der erstmals in diesem Jahr verliehenen Kategorie „Innovation“ ausgezeichnet. „Dramaturgisch perfekt erzählt und meisterhaft gezeichnet“, urteilte die Jury - mehr zu den anderen Preisträgern, darunter auch ein Tagesspiegel-Autor, unter diesem Link.

Unter dem Buchdeckel von „Weisse Wölfe“ wird aufgedeckt: brutal, schonungslos, sorgfältig. Gleich zu Beginn zwei Schlüsselfragen: Warum hat der NSU ausgerechnet in Dortmund gemordet? Und: Handelte es sich tatsächlich um Einzeltäter? Die Ergebnisse der akribischen Recherche des Journalisten David Schraven („Kriegszeiten“) hat der Illustrator Jan Feindt in minutiös durchkomponierten Bildern aufgezeichnet.

Wie das Cover schon erahnen lässt, wird dem Leser dabei einiges abverlangt. „Ich werde in den nächsten Monaten mehr über Nazis erfahren, als mir recht ist“, kündigt der Icherzähler Schraven zu Beginn an. Dieses unbequeme Wissen wird er in Folge mit den Lesern teilen. Zunächst gilt es vier Komponenten der Reportage zu entwirren, die im Comic wild durcheinandergewürfelt werden. Da sind zum einen die Szenen, die Schravens Treffen mit Informanten, seine Lektüre von Polizei- und Geheimdienstakten und daraus resultierende Schlussfolgerungen rekapitulieren. So zeigt eine entsprechend beschriftete Deutschlandkarte, welche Protagonisten der Neonazi- Szene wie miteinander verbandelt sind. Schraven präsentiert seine Erkenntnisse mit kluger Rhetorik: Sie werden den beschönigenden Aussagen von Repräsentanten aus Politik und Nachrichtendiensten gegenübergestellt.

Schwer verdaulich, aber äußerst informativ

Der zweite Hauptstrang ist der Bericht einer Nazi-Sozialisation im Ruhrgebiet. Icherzähler Albert S., vom Punk zum Nazi konvertiert, schildert Gewalttaten und daraus resultierende Glücksgefühle: „Meine Zeit in der Dortmunder Szene war großartig ... Wir haben die Türken gehetzt, wo wir sie trafen.“ Die Begegnungen mit einschlägigen Größen aus Rechtsrock- und Schlägerszene wecken seine Ambitionen. Er will hoch hinaus auf der Karriereleiter der Rassenideologen; Ziel ist der bewaffnete Kampf in der terroristischen Organisation „Combat 18“. Eine Innenansicht, die schwer verdaulich, aber äußerst informativ ist.

Runen mit Pistole: Das Buchcover.
Runen mit Pistole: Das Buchcover.Foto: Correctiv

Eine dritte und essentielle Komponente bilden Auszüge aus den sogenannten Turner-Tagebüchern, einem in Deutschland indizierten Roman, der neben antisemitischer Propaganda auch klare Anleitungen zum „führerlosen Widerstand“ beinhaltet. Es handelt sich dabei nicht nur um ein Kultwerk für Neonazis, sondern konkret auch um eine mögliche Inspirationsquelle für den NSU.

Die vierte Komponente ist so schlicht wie effektiv: Immer wieder tauchen Seiten ohne Text auf. Stattdessen Nazi-Ikonografie auf schwarzem Grund. Der Leser ist gezwungen, hinzusehen.

Brutalität der Zeichen, Eindringlichkeit der Zeichnungen: Durchweg erweist sich Feindt als ein Meister der schwarz-weißen Variation. Er kombiniert Elemente der Superheldenästhetik mit Fotorealismus und Ligne Claire. Er bricht die Seitenarchitektur durch Perspektivwechsel, ganzseitige Panels, Montagen und Zooms auf Details immer wieder auf. Design in Perfektion, aber nicht als Selbstzweck. Weit mehr als Illustration oder Dekoration sind Feindts Bilder ein visueller Kommentar.

„Weisse Wölfe“ demonstriert, was Comic-Journalismus kann: sortieren, aufwühlen, anregen. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem das nötiger denn je erscheint.

David Schraven und Jan Feindt: Weisse Wölfe. Correctiv- Verlag, 224 Seiten, 15 Euro erhältlich u.a. bei www.correctiv.org

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