„Wet Moon“ von Atsushi Kaneko : Mondarie

Eine Verfolgungsjagd, die bei der Getriebenheit des eigenen Ichs endet – Atsushi Kanekos „Wet Moon“ ist ein überbelichteter Albtraum voller Referenzen aus einem dunklen Unterbewusstsein.

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Atemlos: Eine Szene aus "Wet Moon".
Atemlos: Eine Szene aus "Wet Moon".Foto: Carlsen

Eine Jiro Taniguchi gern nachgesagte vertraute Fremdheit begrüßt einen in dem in den 1960er Jahren spielenden retrofuturistischem Manga Noir „Wet Moon“, der von Mord, Verschwörungen und dem ersten bemannten Mondflug erzählt. Das liegt zum einen an der Nutzung des von Georges Méliès entworfenen ikonografischen Mondbildes mit einem Geschoss im Auge, welches von Autor Atsushi Kaneko zitiert wird und als symbolisch für die europäischen Einflüsse im vorliegenden Werk gewertet werden muss. Zum anderen liegt es an den Kontrasten, die mittels feiner Linien und dicker Striche sowie schwarz-weißem Flächeneinsatz produziert werden und eine Ästhetik artifizieller Kühle schaffen, wie man sie von Charles Burns oder dessen Epigonen wie Mezzo, Kristian Hammerstad oder Roberto Baldazzini kennt.

Die genannten Künstler decken allesamt mehr oder weniger abseitige Gefilde ab, und dieser Stil eignet sich dafür auf Grund des erdrückenden und Klaustrophobie provozierenden Nutzens begrenzter Räume besonders gut. Der einzige Unterschied zu den erwähnten Kollegen liegt bei Atsushi Kaneko darin, dass dieser den in Burns' Werk so exzessiven Einsatz von schwarzer Fläche für seine Arbeiten mehrheitlich in Weiß übersetzt und „Wet Moon“ somit wie eine Ansammlung von überbelichteten Bildern daherkommt.

Regina regit colorem

Kaneko selbst weiß um den Vergleich mit Burns, sieht sich jedoch von Comics wenig beeinflusst. Vielmehr bezöge er seine Einflüsse von filmischen Vorbildern wie Stanley Kubrick oder David Lynch, so Kaneko in einem im ersten Band der Reihe abgedruckten Interview. Den Geist Lynchs findet man dann naheliegenderweise ebenso in Burns' Frühwerk „El Borbah“ oder dem von Mezzo in Zusammenarbeit mit Pirus verfassten „Der König der Fliegen“. Und David Lynch käme durchaus auch als Regisseur dieser Geschichte um einen obsessiven und durch einen Metallsplitter im Kopf unter Visionen leidenden Polizisten in Frage, basiert das Werk laut Kaneko doch ursprünglich auf der Idee eines Filmproduzenten.

Ikonografisch: Die Hauptfigur von "Wet Moon" vor dem von Georges Méliès entworfenen Mondbild.
Ikonografisch: Die Hauptfigur von "Wet Moon" vor dem von Georges Méliès entworfenen Mondbild.Foto: Carlsen

Der rudimentäre Plot der Story um eine Mörderin und den sie verfolgenden Inspektor, der im Zuge der Jagd amouröse Obsessionen gegenüber der Geschassten entwickelt, wird mit phantastischen Elementen verquickt, die den manisch eifernden Pioniergeist der im Wettlauf zum Mond befindlichen Nationen als zusätzlichen Handlungsmotor nutzt, um eine konstante Atmosphäre der Atemlosigkeit zwischen Jägern und Gejagten zu kreieren, hff, hff.

Diese einst spezifisch mangaeske Onomatopoesie wird durch Schweißrinnsale um die entsprechende Bildkodierung erweitert, während das dominierende Weiß für ein derartiges Rauschen sorgt, dass sich der aus der Psychoakustik entlehnte Begriff „White Noise“ geradezu aufdrängt – was den des Empfangs von Botschaften aus anderen Sphären verdächtigen Metallsplitter im Kopf des Inspektors über den Rang eines schnöden MacGuffins hinaus erhebt, indem er als thematische Variation das übergeordnete unbunte Leitmotiv narrativ unterstreicht.

 Atemlos durch die Eurozone

Auf der Jagd nach dem Vorsprung und der Erkenntnis führt die manische Sinnsuche der getriebenen Existenzen, die zum Teil mit Attributen aus dem Fundus der künstlichen Beatmung versehen und somit dem technischen Fortschritt schon allein aus überlebenstaktischen Erwägungen gewogen sind, zu Orten, die zwischen Dekadenz und Verfall angesiedelt sind. Dass sich hier die Dekadenz dem Leser zuweilen aus alteuropäischen Gemäuern entgegenzuwerfen scheint, spielt für das Wechselspielfeld aus bekanntem und unbekanntem Terrain, bei dem als einzige Farbe gelegentlich ein spärliches Rot bei der Akzentuierung der Kleidung zum Einsatz kommt, eine identitätsstiftende Rolle in Kanekos eurozentrischem Thriller.

Ameisen im Alteisen: Der Verfall ist überall, Europa aber auch - ein Panel aus dem dritten Band von "Wet Moon".
Ameisen im Alteisen: Der Verfall ist überall, Europa aber auch - ein Panel aus dem dritten Band von "Wet Moon".Foto: Carlsen

Daher ist es vermutlich kein Zufall, dass einer der Höhepunkte des Comics auf einem Schrottplatz und dabei an halbgefrorene Szenarien von Chantal Montellier erinnernd, abgewickelt wird. Deren weiterer ästhetischer Manifestation kann man übrigens in Atsushis klongleichen Massenszenen ansichtig werden.

Ganz abhold ist Kaneko dem Comic dann also doch nicht, ob bewusst oder unbewusst bleibt unklar, werkeln all die als Einfluss in Frage kommenden Künstler bekanntlich ebenfalls auf der dunklen Seite des Mondes. Wie zum Beispiel der Avantgarde-Mangaka Sasaki Maki, der 1974 in „The Bad Moon“ Elemente der Bildsprache aus „Wet Moon“ bereits vorwegnahm. Den Einfluss von Illustratoren räumt Atsushi Kaneko allerdings ein, Christopher „Coop“ Cooper, aus der Kustom Kulture entstammend, wird als eine Quelle der Inspiration benannt, was man in einigen Nachtclubszenen durchaus erkennen kann; und wer Coop auf Twitter folgt, weiß zudem um seine Obsessionen mit „Tattooed Nudes“.

She blinded me with science

Bei dieser Reise durch eine zerklüftete Psyche beweist Kaneko immer wieder Sinn für ausgefallene Bildkompositionen: der von wilden Hunden bevölkerte und am Ende von überdimensionierten Ameisen okkupierte Schrottplatz befremdet durch den Einsatz dieser für sich im Einzelnen als normal wahrgenommenen Elemente, erst in der Summe entsteht daraus eine erschreckende Vision. Das Figurenpersonal rekrutiert sich genreüblich und somit allzu fiebrige Halluzinationen solidierend aus skurrilen Lakaien sowie den üblichen undurchsichtigen und zwiespältigen Erscheinungen.

In Kanekos Referenzreigen schaut sogar Viggo Mortensen vorbei: Eine Seite aus "Wet Moon".
In Kanekos Referenzreigen schaut sogar Viggo Mortensen vorbei: Eine Seite aus "Wet Moon".Foto: Carlsen

Eine populär- oder pseudowissenschaftliche Erklärung für den Verbleib der so lange vergeblich verfolgten Mörderin läutet das Finale ein, auch der im Kopf befindliche Splitter wird in Bedeutung überführt. Allerdings, wie das immer so bei großen Mysterienspielen ist, je rätselhafter und vertrackter der Aufbau, umso ernüchternder die Auflösung. David Lynch weiß schon, warum er sich von Erklärungen fernhält; sie beeinträchtigen das Gesamtbild, auch wenn dieses in seinem Fall ein bewegtes ist.

Trotzdem ein extrem spannendes und empfehlenswertes Werk für den an mangaüblicher und dynamischer Seitengestaltung geschulten Blick. Bei Novizen dürfte die wilde grafische Umsetzung jedoch den Verwirrtheitsgrad noch verstärken, aber zumindest wäre man dann dem ermittelnden Inspektor nicht ganz unähnlich.

Atsushi Kaneko: Wet Moon, abgeschlossen in drei Bänden, Carlsen, Band 1 (278 Seiten) und 2 (254 Seiten) je 19,90 Euro, Band 3 (354 Seiten): 24,90 Euro.

Komplett: Das Cover des dritten und letzten Bandes von "Wet Moon".
Komplett: Das Cover des dritten und letzten Bandes von "Wet Moon".Foto: Carlsen

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