„Woman on the River“ von Matthias Schultheiss : Fluss ohne Wiederkehr

Mit Comics wie „Die Haie von Lagos“ schuf Matthias Schultheiss in den 1980er Jahren Klassiker der Kunstform. Nun hat er mit „Woman on the River“ einen düsteren Krimi veröffentlicht. Der hat trotz vorhersehbarer Genre-Versatzstücke auch Überraschendes zu bieten.

Björn Bischoff
Tiefe durch Farben und Formen: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Tiefe durch Farben und Formen: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Splitter

Sex bringt alles wieder hervor. Wenn Menschen verletzlich sind. Wenn sie ihre Narben nicht verstecken können. Da hilft nicht einmal die Dunkelheit. In Matthias Schultheiss‘  „Woman on the River“ geht es um das Schicksal von Dennis, einem ehemaligen Auftragskiller. Vor 35 Jahren beging er einen Mord an einem jungen Mann. Dessen Freundin musste dies miterleben.

Seine Strafe hat der Mörder verbüßt, doch die Schuld lastet weiter auf ihm. Dennis zieht in ein Haus beim Fluss, versucht zu vergessen. Ein Neunanfang, mehr will er nicht. Doch da ist diese Frau auf der Yacht, die in der Nacht über den Fluss dahinzieht. Er kennt sie. Sie kennt ihn. Die Vergangenheit zieht ihre Kreise bis in die Gegenwart. Und Dennis‘ Schicksal stand in dem Moment fest, als er die Kugel auf den jungen Mann abfeuerte.

Das Ende ist bitter und unausweichlich

So stellt Schultheiss‘ „Woman on the River“ mehrere Fragen, gibt aber keine Antworten. Das liegt vor allem daran, dass die Geschichte in vielen Teilen sehr stereotyp bleibt. Keine der Figuren hat einen tiefgreifenden Charakter und selbst Auftragskiller Dennis bleibt merkwürdig schemenhaft. Obwohl der Plot aus seiner Sicht geschildert wird, bringt er nicht mehr als ein paar abgedroschene Sätze hervor. Etwa: „Wenn ich Glück hatte, hatte ich noch ein paar gute Jahre vor mir.“ Trostlos, keine Frage. Aber auch wahnsinnig ausgelutscht durch zahlreiche Romane, Serien und Filme. Dabei bräuchte es solche Sätze nicht einmal. Denn diese Schablonen und Klischees des Genres kann Schultheiss nicht so anordnen, dass „Woman on the River“ sich abhebt oder überraschende Wendungen auffahren kann.

Alles scheint komplexer, als es wirklich ist – was den Plot ein wenig altbacken macht. Wo Schultheiss‘ voriges Werk „Daddy“  noch bewusst aneckte und provozierte, arbeitet sich „Woman on the River“ nur am Film Noir und alten amerikanischen Krimis ab, ohne mit den Genres zu spielen oder sie aufzubrechen. 

So vorhersehbar wie Handlung, Dialoge und Figuren oft sein mögen, in der dritten Graphic Novel nach Schultheiss‘ Rückkehr zum Comic mit „Die Reise mit Bill“ vor drei Jahren funktionieren vor allem die Bilder als Träger der Geschichte. Der Einsatz von Grün- und Gelbtönen sticht deutlich hervor. Schultheiss kreiert so eine drückende Atmosphäre. Schwüle Luft, Sonne und Gewitter hinterlassen ihre Spuren in den Farben und Formen.

Drückende Atmosphäre: Das Buchcover.
Drückende Atmosphäre: Das Buchcover.Foto: Splitter

Über solche Details setzt die Story ihre Akzente. Wenn der Regen auf den Fluss prasselt, wenn das Boot in dem moosgrünen Wasser seine Spuren hinterlässt, dann zieht „Woman on the River“ einen in die Geschichte. So entsteht an diesen Stellen die Tiefe in einem soliden Plot. Schultheiss geht es nicht darum, den Leser zu überraschen, sondern die Unausweichlichkeit der Ereignisse vor Augen zu führen. Mit dem bitteren unausweichlichem Ende – das letzte Bild setzt den perfekten Schlusspunkt. Und überrascht in seiner Kompromisslosigkeit dann doch.

Matthias Schultheiss: Woman on the River. Splitter, 61 Seiten, 14,80 Euro. Leseprobe auf der Website des Verlages.

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