WON ABC: „Zombie Love“ : Die Rache der Zombie-Sprayer

Psychoaktiver Farbrausch: Der Comic „Zombie Love“ des Streetart-Künstlers WON strotzt vor bizarren Einfällen und fantastischen Bildkompositionen.

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Ewiger Kampf zwischen Gut und Böse: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Promo
Ewiger Kampf zwischen Gut und Böse: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Promo

Um die Jahrtausendwende legte der Münchner Graffiti-Pionier WON von der Sprüher-Crew ABC sein Comic-Debüt „Colour Kamikaze“ vor. Er hatte mit der Arbeit an diesem beachtlichen Werk begonnen, nachdem der Bayerische Freistaat eine Bewährungsstrafe über ihn aufgrund seiner ausgesprochen talentierten Sachbeschädigungen verhängt hatte.

Inzwischen sind 14 Jahre ins Land gezogen. 14 Jahre, in denen WON seine Lorbeeren und Brötchen als Künstler und gefragter Illustrator verdient hat – und in denen er Zeit fand, nach und nach sein neues Comic-Projekt „Zombie Love“ zu realisieren.

Die Story von „Zombie Love“ liest sich wie die Handlung eines abendfüllenden Films der „South Park“-Macher. Sie spielt in einer dystopischen Zukunft, rund 50 Jahre nach dem dritten Weltkrieg. Genmanipulation ist hier Tagesgeschäft, und die Bevölkerung der Dritte-Welt-Länder wurde zugunsten des Platzes der Erstweltländer ausradiert. Dr. Genom, ein Wissenschaftler im Auftrag des multinationalen Konzerns Blitzkrieg Inc., befasst sich in diesem Setting mit der Aufgabe, Tote wieder zum Leben zu erwecken. Es will allerdings nicht so recht klappen. Doch was er nicht hinbekommt, erledigt schließlich der Zufall.

Der Teufel treibt's mit Nazigrößen

Es erheben sich also die ersten Untoten: die Leichname der längst verstorbenen Mitglieder der ABC-Crew um WON himself. Und was macht so ein Zombie-Sprayer? Klar, gestärkt vom Fleisch der Lebenden geht er los, um Wände und Züge zu bemalen. Der Staatsapparat ist machtlos, dem unheiligen Treiben Einhalt zu gebieten. Und dann überschlagen sich die Ereignisse: Polizei-Einheiten werden zombifiziert, mutierte Kriegsverbrecher werden als Spezialeinheit entsandt, Außerirdische mischen sich in die Geschicke der Welt ein, Dimensionsportale tun sich auf, der Teufel treibt’s mit Nazigrößen, kurz: Hier wird der ewige Kampf zwischen Gut und Böse ausgetragen. Dabei werden sämtliche Register an mehr oder weniger bizarren Einfällen gezogen.

Bis zum Bersten mit Details vollgepackt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch. Foto: Promo
Bis zum Bersten mit Details vollgepackt: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Promo

Das klingt natürlich äußerst trashig, und das ist es auch. Im Kontrast zur Story ist deren Umsetzung jedoch ein Hochglanzprodukt. Und nicht nur das: was WON hier aus dem Ärmel schüttelt ist eine künstlerische Leistung, die man nicht alle Tage zu sehen bekommt. Wie bereits sein Vorgänger „Colour Kamikaze“ ist „Zombie Love“ ein überbordender, fast schon psychoaktiver Farbrausch.

Eine anfängliche Panelstruktur weicht in dem Werk schnell großformatigen Zeichnungen, die das  Geschehen visualisieren, während ein am Rand montierter Erzähltext den Leser verortet. Diese Einzelbilder lesen sich anfangs noch wie Comicseiten, weil die in ihnen dargestellten Aspekte in einer zeitlichen Reihenfolge stehen. Zum Ende hin wird dieser erzählerische Kniff dann zugunsten der Gestaltung vernachlässigt. Der Story selbst tut das keinen Abbruch. Immerhin lebt sie vorrangig von den Zeichnungen.

Von München ausgehend die Welt infiziert

WONs knalligen, bis zum Bersten mit Details vollgepackten Stil muss man zugegebenermaßen mögen. Man kommt allerdings nicht umhin, ihn als Meister seines Fachs zu würdigen, denn was er an Außergewöhnlichem mit der Sprühdose leistet, funktioniert auch auf Papier hervorragend. Man verliert sich sprichwörtlich in den Synapsen sprengenden Bildkompositionen, für die man ruhig mal die Attribute krass und irre bemühen kann.

Blutigen Zombie-Splatter darf man jedoch nicht erwarten: Der Comic führt den Leser nicht aufs Schlachtfeld oder an den Mittagstisch der Untoten. Dafür verteilt er Seitenhiebe auf Überwachungsstaat und Technikwahn und spielt mit popkulturellen Verweisen und Graffiti-bezogenem Insiderwissen. Man muss aber keinen Bezug zum Lack-getränkten Lebensstil der Sprüher pflegen, um den Comic zu schätzen.

Meister seines Fachs: Das Cover des Buches. Foto: Promo
Meister seines Fachs: Das Cover des Buches.Foto: Promo

In dem schön editierten Hardcoverband nimmt der Comic übrigens nur knapp die Hälfte der 160 Seiten ein. Der andere Part ist eine beeindruckende Werkschau von WONs kommerziellen oder illegalisierten Arbeiten, die insofern zum Teil der „Zombie Love“-Story gemacht wurde, als dass sie als Folge einer Epidemie präsentiert wird, die von München ausgehend längst die Welt infiziert hat.

Den Band gibt es übrigens ausschließlich in englischer Sprache. WON peilt offenbar eher seine internationalen Fans als die heimischen Comic-Leser als Zielgruppe an. Bei der Veröffentlichung von „Colour Kamikaze“ war das noch anders: Den gab es zunächst einmal auf Deutsch – und WON ging noch mit großer Wanderausstellung auf Promo-Tour. Er hat es offensichtlich geschafft. Wer sich „Zombie Love“ ansieht, weiß auch, warum.

WON ABC: Zombie Love. Publikat, 160 Seiten, 24,90 Euro. Eine Lesprobe gibt es auf dieser Seite.

Zur Website von WON geht es hier.

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