Zeina Abirached: „Ich erinnere mich“ : Hübsche Granatsplitter für die Sammlung

Selbst der Krieg kann eine Kindheit nicht zerstören – diese Botschaft stand im Zentrum von „Das Spiel der Schwalben“ der libanesischen Zeichnerin Zeina Abirached. Der Nachfolge-Comic „Ich erinnere mich“ gibt diesem Bild nun einen Rahmen.

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Normalität im Ausnahmezustand: Eine Doppelseite aus „Ich erinnere mich“.
Normalität im Ausnahmezustand: Eine Doppelseite aus „Ich erinnere mich“.Foto: Avant

Es ist wie das Blättern durch ein Fotoalbum: Erinnerungen an den ersten Kurzhaarschnitt, an den Vater, der laut Wagners „Walküre“ hört, an japanische Zeichentrickserien oder an Zigaretten, die den Hausgästen wie Pralinen angeboten werden. Wer Zeina Abiracheds neuen Comic „Ich erinnere mich“ oberflächlich liest, glaubt kaum, dass die Autorin die ersten zehn Jahre ihres Lebens im libanesischen Bürgerkrieg aufgewachsen ist, der 1990 endete. Zu heiter der Ton, zu gelassen die Schilderungen des alltäglichen Lebens inmitten von Nahrungs- und Wasserknappheit scheint das alles zu sein. Doch Abirached gibt nur wieder, wie sie die Situation als Kind empfunden hat.

Vom Kammerspiel zum Fotoalbum

Um „Ich erinnere mich“ richtig einzuordnen, lohnt es sich, kurz an den Vorgänger „Das Spiel der Schwalben“ (im Original von 2007, auf deutsch 2013) zu erinnern, der international von der Presse hoch gelobt wurde. Das „Spiel der Schwalben“ ist ein einzigartiger Comic über den Bürgerkrieg im Libanon – unter anderem deshalb, weil dieser Krieg fast nie direkt thematisiert wird, ebenso wenig wie dessen politische Hintergründe. Stattdessen konzentriert sich Abirached komplett auf das absurde Leben in der wenige Quadratmeter großen Diele, dem einzig sicheren Raum der Wohnung, wo sich die Familie und ihre Freunde mit einer erstaunlichen Gelassenheit eingerichtet haben.

Es ist erschreckend und wunderbar zugleich, wie normal dieses Leben für die Autorin in dieser beengten und lebensbedrohlichen Situation war. Am Ende steht die verblüffende Erkenntnis, dass diese Normalität nicht trotz, sondern gerade wegen des engen Zusammenlebens der Familie in dieser Extremsituation zustande gekommen ist.

Detailreiche Ergänzungen zu „Das Spiel der Schwalben“

„Ich erinnere mich“ schildert schlaglichtartig einzelne Erlebnisse und Umstände der Zeit vor der nur wenige Stunden umfassenden Episode in „Das Spiel der Schwalben“, bis ins Jahr 2006, in dem Abirached nach Paris zog. Der Comic ist die perfekte Ergänzung zum Vorgänger, denn während „Das Spiel der Schwalben“ eher ein Kammerspiel ist, bei dem vieles unerklärt bleibt, gibt der Nachfolger wesentlich umfassendere Einblicke in das Alltagsgeschehen zur Zeit des Krieges.

Abirached berichtet etwa davon, wie die Familie zeitweise mit Kerosin heizte, das sie in einem Eimer von einem fliegenden Händler mit Pferdefuhrwerk von der Straße hochzogen. Auch eine notgedrungen Übernachtung in einer Schule, die Flucht nach Zypern oder die erste richtige Dusche nach Monaten des Waschens aus Wasserkanistern verarbeitet Abirached in ihren markanten, von verspielter Geometrik geprägten Schwarz-Weiß-Zeichnungen.

Die Grundaussage bleibt die gleiche wie in „Das Spiel der Schwalben“: Selbst im Krieg, wo eine Hochzeitsgesellschaft im Laufschritt über die Straße eilen muss, um den Heckenschützen zu entgehen, bewahrten sich Abirached und ihre Familie ganz selbstverständlich ihre Normalität in den kleinen Dingen und Räumen, auf die ihre Welt zusammengeschrumpft ist. Am augenfälligsten und eindringlichsten wird dies, wenn Abiracheds kleiner Bruder am Tag nach einem Beschuss voller Freude auf die Straße läuft, um neue Granatsplitter für seine Sammlung aufzulesen.

Erinnerungsarbeit: Das Cover des besprochenen Buches.
Erinnerungsarbeit: Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Avant

Es fehlt die Verdichtung des Vorgängers

„Ich erinnere mich“ kann durchaus als eigenständiger Comic funktionieren, doch wer den Vorgänger nicht kennt, dem fehlen zum einen dessen Atmosphäre und zum anderen die Hintergründe zu Abiracheds Freunden und Verwandten. Letztere standen in „Das Spiel der Schwalben“ deutlich im Vordergrund, hier sind es eher einzelne Erlebnisse und Details des Alltags – vom zerstörten Auto der Mutter bis hin zur Verpackung eines KitKat-Riegels – die den Inhalt bestimmen. Die Erinnerungen sind zwar chronologisch geordnet, aber dennoch meist kaum mehr als illustrierte Notizen. Eine wirkliche Geschichte entfaltet sich dabei leider nicht – aber dies ist auch nicht das Ziel der Autorin.

So kann „Ich erinnere mich“ zwar mit einem vollständigerem Bild und mehr interessanten Details aufwarten, erreicht damit aber nicht die verdichtete Dimension von „Das Spiel der Schwalben“. Es ist jedoch unsinnig, den einen Comic gegen den anderen aufzuwiegen: Die beste Lektüre – sowohl des einen als auch des anderen – hat man, wenn man beide liest.

Zeina Abirached: Ich erinnere mich, Avant-Verlag, 96 Seiten, 14,95 Euro, Leseprobe auf der Website des Verlages.

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