Zeitgeschichte : Heiliger Terror

Zehn Jahre „9/11“: Anlässlich des Jahrestages im September häufen sich Comics über Osama bin Laden und die Folgen der Anschläge von 2001.

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Giftgrün: In der Heftreihe "Savage Dragon" kehrt der al-Quaida-Chef als Untoter zurück.
Giftgrün: In der Heftreihe "Savage Dragon" kehrt der al-Quaida-Chef als Untoter zurück.Foto: Promo

Die meisten Superhelden-Comics wären ohne Super-Schurken nur halb so spannend. Und auch in der Welt der von der Realität inspirierten Comics geht nichts über einen Antagonisten, der das absolute Böse verkörpert. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren dies vor allem im US-Comic mit Vorliebe Adolf Hitler und später diverse kommunistische Machthaber. Derzeit hat allerdings ein anderer Übeltäter Konjunktur: Mehrere Comics, die in diesem Herbst erscheinen, handeln von Osama bin Laden – mal mit dokumentarischem Anspruch, mal als ätzende Satire, mal als wilder Klamauk.

„Code Word: Geronimo“ ist der Titel des Bandes mit dem wohl höchsten Anspruch auf Authentizität – und dem höchsten Gehalt an patriotischer Melodramatik. Auf 88 Seiten wollen die Autorin Julia Dye und ihr Mann Dale, ein ehemaliger amerikanischer Marinekapitän, von der Jagd des US-Geheimdienstes und von Armee-Sondereinheiten auf bin Laden erzählen. Ihr Buchtitel bezieht sich auf die Mission, die am 1. Mai mit der Entdeckung und Erschießung des al-Quaida-Führers in Pakistan endete. „Wir wollen das feiern“, begründet Dale Dye laut einer Pressemitteilung seines Verlages, IDW Publishing, seine Motivation. „Vertreter aller Parteien und von mehr als einer Regierung haben all das möglich gemacht - es ist eine amerikanische Jubelfeier“, sagt Julia Dye. Die Verkaufserlöse sollen einer amerikanischen Veteranenorganisation zugute kommen. Als Erscheinungstermin ist der 6. September angekündigt.

Mit Kampfhund: Eine vorab veröffentlichte Szene aus "Code Word Geronimo".
Mit Kampfhund: Eine vorab veröffentlichte Szene aus "Code Word Geronimo".Foto: Promo

Die Geschichte kombiniert laut Verlagsankündigung Rückblicke und Darstellungen der aktuellen Ereignisse rund um die Ergreifung bin Ladens, einschließlich der unfreiwilligen Helikopterlandung der Amerikaner und Impressionen aus dem Lagezentrum der US-Regierung in Washington. Als Zeichner wurden Gerry Kissel und Amin Amat verpflichtet. Sie kündigen an, auf besonders blutrünstige Bilder zu verzichten: „Dies ist die Geschichte einer historischen Mission, kein Schlachtfest mit Blut und Eingeweiden.“ Auch wenn politische Akteure wie Barack Obama in der Erzählung auftauchen, soll sie weitgehend frei von Politik sein. Stattdessen liegt der Fokus auf dem Handeln derjenigen, die den Einsatz gegen bin Laden geplant und ausgeführt haben.

Nach „Sin City“ jetzt „Holy Terror“

Deutlich blutiger und politischer dürfte ein anderer Comic ausfallen, der seit vielen Jahren immer wieder angekündigt, für tot erklärt und dann neu angekündigt wurde – und der jetzt im September tatsächlich erscheinen soll: „Holy Terror“ von „Sin City“-Autor Frank Miller, ein Buch, mit dem er in satirisch zugespitzter Form die Ereignisse von 2001 und den Folgejahren aufarbeiten will. Der Verlag Legendary Comics, der zum Filmkonzern Legendary Pictures gehört, hält sich derweil noch mit inhaltlichen Angaben zurück. Man kann aber davon ausgehen, dass es eine so derbe wie provokative Story werden wird. So hatte es zumindest Miller vor zweieinhalb Jahren im Tagesspiegel-Interview angekündigt. Damals hatte er das seinerzeit auf 170 Seiten angelegte Werk zu zwei Dritteln fertig und versprach in seiner gewohnt vollmundigen Art: „Die richtigen Leute werden sich beleidigt fühlen.“

Zahn um Zahn: Cover des neuen Frank-Miller-Buches.
Zahn um Zahn: Cover des neuen Frank-Miller-Buches.Foto: Promo

Anfangs war die Erzählung als eine Art Batman-jagt-al-Quaida-Abenteuergeschichte geplant. Nach massiven Zweifeln seitens der Batman-Lizenzverwalter vom DC-Verlag hat Miller das Projekt jetzt mit einer neu geschaffenen Hauptfigur fortgesetzt, dem „Fixer“. Dessen Aufgabe ist es, eine tödliche Bedrohung von einer fiktiven Großstadt abzuwenden. Das Ergebnis ist laut Verlagsankündigung eine „total schädelplatzende, knochenbrechende, halsbrecherische Schlägerei-Geschichte“, in deren Verlauf ein verzweifelter Held auf brutale Weise eine mörderische Verschwörung gegen die Menschheit stoppen will.

Monster und Musen

Ähnlich rabiat, aber wohl noch trashiger und klamaukiger dürfte es im Comic-Heft „Savage Dragon“ 177 zugehen, das im September erscheinen soll: Darin präsentiert Autor und Zeichner Erik Larsen Osama bin Laden als Untoten, der nach seiner Erschießung durch US-Eliteeinheiten mit radioaktiven Strahlen in Berührung kommt und als giftgrünes Monster Rache an seinen Verfolgern nehmen will.

Terror von allen Seiten: Eine Szene aus Art Spiegelmans Buch, das im September auf Deutsch erscheint.
Terror von allen Seiten: Eine Szene aus Art Spiegelmans Buch, das im September auf Deutsch erscheint.Foto: Promo

Wem diese Art von Auseinandersetzung mit dem „Krieg gegen den Terror“ zu albern ist, der kann sich auf die deutsche Neuveröffentlichung eines Werkes freuen, in dem die persönliche Betroffenheit durch die Anschläge und kritische Kommentare zur US-Politik nach 2001 im Zentrum stehen: Am 5. September veröffentlicht der Atrium-Verlag Art Spiegelmans biographisch inspirierte Collage „Im Schatten keiner Türme“. Darin hat der durch „Maus“ weltberühmt gewordene Autor eigene Impressionen in New York in den Stunden und Tagen nach den Anschlägen mit politischen Beobachtungen und Einschätzungen kombiniert.

Das Buch basiert auf einer Reihe von Comic Strips, die Spiegelman 2002 für „Die Zeit“ geschaffen hat und die erst zwei Jahre später in den USA als Buch veröffentlicht wurden. „Meine Muse ist die Hexe des Todes, was mich zur Arbeit treibt ist das Desaster“, sagte Spiegelman 2002 im Tagesspiegel-Interview über die Motivation zu diesem Werk.

Mehr zu diesem und den anderen hier genannten Veröffentlichungen gibt es im September auf den Tagesspiegel-Comicseiten. Und mehr über in der Vergangenheit erschienene Comics zu Osama bin Laden gibt es unter anderem hier.

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