Zeitgeschichte im Comic : Weltreise durch Neukölln

Ein Berliner Bezirk feiert sein 650. Jubiläum – und spendiert sich einen Comic zum Fest.

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Alltag in der Rollbergsiedlung. Eine Seite aus dem Buch.
Alltag in der Rollbergsiedlung. Eine Seite aus dem Buch.Illustration: Faroqhi

Die Idee kam ihr in Kanada. Bei einem Besuch in dem Einwanderungsland erlebte Dorothea Kolland, die Leiterin des Kulturamtes Neukölln, wie stark sich dortige öffentliche Bibliotheken darum bemühen, ihren multikulturellen Bewohnern leicht verständliche Literatur und mehrsprachige Informationen über ihre neue Heimat anzubieten. Als sich dann in Kollands Bezirk ein großer  Jahrestag ankündigte - die erste urkundliche Erwähnung  Rixdorfs (damals noch: Richardsdorp), der Keimzelle des heutigen Neukölln, am 26. Juni vor 650 Jahren - da fragte sich die Amtsleiterin, wieso offizielle Veröffentlichungen zu solchen Anlässen eigentlich so oft wissenschaftlich-trockene und schwer zugängliche Abhandlungen sein müssen. Kolland beschloss: Das Neuköllner Jubiläum wird mit einem Comic gewürdigt. 

Haben Neukölln zum Comicthema gemacht: Dorthea Kolland (links) und Anna Faroqhi.
Haben Neukölln zum Comicthema gemacht: Dorthea Kolland (links) und Anna Faroqhi.Foto: Lars von Törne

Jetzt liegt das Ergebnis vor, der 120-seitige Band „Weltreiche erblühten und fielen – 650 Jahre Geschichte Rixdorfs und Neuköllns“, gezeichnet und zusammen mit Dorothea Kolland erarbeitet von der in Neukölln lebenden Künstlerin Anna Faroqhi. An diesem Montag, dem 21. Juni, wird das Buch bei einer offiziellen Präsentation vorgestellt.

Es ist eine kurzweilige, historisch fundierte und doch lebendig am Neuköllner Alltag orientierte Geschichte, die die Autorin und Filmemacherin Faroqhi erzählt. In klaren Zeichnungen, die manchmal etwas schlicht wirken, aber durchaus eine vitale Atmosphäre vermitteln und Leser jeden Alters ansprechen dürften, führt sie durch die wechselhafte Geschichte ihres Bezirkes, in dem Menschen aus mehr als 160 Nationen leben. Faroqhi schafft es, unterschiedlichste Perspektiven und Zeitabschnitte so zu kombinieren, dass ihr Buch einen leicht zugänglichen, kurzweiligen und bemerkenswert vielseitigen Einblick in Alltag und Geschichte des einstmals größten Dorfes im Preußischen Staat gibt.

Vom Dreißigjährigen Krieg bis in die multikulturelle Gegenwart

Anregungen holte sich Faroqhi nicht nur in Geschichtsbüchern und Gesprächen mit Historikern, sondern vor allem in ihrem eigenen Alltag: Immer wieder lässt die gebürtige Berlinerin in dem Buch ihren Mann, einen Israeli marokkanischer Herkunft, und ihre drei Kinder (14, 12 und 3 Jahre) auftreten, deren Neuköllner Alltagserlebnisse der Ausgangspunkt von lehrreichen Ausflügen in verschiedene Epochen der Stadtgeschichte sind, vom Dreißigjährigen Krieg über die Auswirkungen der politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts bis in die multikulturelle Gegenwart. Oft geht es dabei um den Alltag von Einwanderern zwischen Hasenheide, Rollbergsiedlung und Rütli-Schule, der aus vielen Perspektiven vermittelt wird, von den böhmischen Protestanten des 18. Jahrhunderts bis zu Faroqhis arabischen oder türkischen Nachbarn von heute.

In locker aneinander gefügten Episoden, die manchmal etwas ungelenk gezeichnet aussehen aber in ihren besten Momenten an den autobiographischen Comicbestseller „Persepolis“ der iranischstämmigen Französin Marjane Satrapi erinnern, erzählt das Buch von Liebesgeschichten und Hungersnöten, von Revolutionen und Reformen, von menschlichen Dramen und den großen Hoffnungen, mit denen über die Jahrhunderte hinweg Menschen in dieses Viertel gezogen sind, um Krieg und Armut zu entgehen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Festschrift. Das Cover des Buches zeigt neben historischen Figuren auch die Familie der Zeichnerin.
Festschrift. Das Cover des Buches zeigt neben historischen Figuren auch die Familie der Zeichnerin.Illustration: Faroqhi/Dagyeli

Immer wieder stellt Faroqhi einzelne Personen heraus, denen sie im Alltag begegnet ist und die für die vielen Facetten des Neuköllner Alltags jenseits der Klischees vom Problembezirk stehen: Eine Restaurantbesitzerin, die als Flüchtling in die Stadt kam, ihren Lieblings-Falafelverkäufer oder eine Kurdin, die sie beim Gespräch auf dem Spielplatz kennen gelernt hat. In Gedankenspielen versetzt die Autorin sich und ihre Familie in frühere Zeiten und fragt sich, wie ihr Leben wohl vor der Industrialisierung, während des Ersten Weltkriegs oder in der Nazizeit ausgesehen hätte. Zugleich verschließt sie vor den aktuellen sozialen Problemen des armen Viertels nicht die Augen, berichtet in Episoden auch von Drogenhändlern oder brutalen Jugendlichen, die ihre Altersgenossen terrorisieren. Aber vor allem zeigt sie auf unterhaltsame Weise: Neukölln hat so viel mehr Facetten als selbst manch Alteingesessenen bekannt sein dürfte.

Anna Faroqhi und Dorothea Kolland: „Weltreiche erblühten und fielen. 650 Jahre Geschichte Rixdorfs und Neuköllns“, 120 Seiten, 9,50 Euro, ISBN 978-3-935597-82-1 . Erschienen im Dagyeli Verlag, weitere Informationen unter diesem Link. Weitere Informationen über das sonstige Festprogramm zum 650. Jubiläum unter www.kultur-neukoelln.de.

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