Coming-of-age-Roman „Was sie begehren“ von 1937 : Dem Käfig entkommen

Kenneth Mackenzie hat mit "Was sie begehren" 1937 einen meisterhaften Adoleszensroman über die Sehnsüchte und Tagträume eines Internatsjungen geschrieben. Unser Autor hat ihn wiederentdeckt.

von
Buchcover von Kenneth Mackenzies Roman "Was sie begehren".
Buchcover von Kenneth Mackenzies Roman "Was sie begehren".Foto: promo

Die Perspektive eines Heranwachsenden ist die von ganz unten. Charles Fox hat sich auf den Boden geworfen, um an den zerzausten, verdorrten Grashalmen noch einmal den Geruch des Frühlings zu riechen. „Die Erde lag bewusstlos da, der Tag marschierte voran wie eine Armee, und im reglosen Gras sangen unzählige Zikaden.“ Ein tiefblauer, wolkenloser Himmel wölbt sich über der erstarrten Landschaft. Es ist Anfang November, und weil wir uns in Australien befinden, nähert sich der Hochsommer. „Eine unheimliche Energie lag in der Luft, eine Art Muskelspannung, der Drang zu handeln.“

Für Charles wird es ein Sommer des Aufbruchs und der Abschiede. 15 ist er jetzt, ein Übergangsalter, in dem er kein Kind mehr sein möchte, sich aber auch noch nicht als Erwachsener fühlt. Nach den Prüfungen, mit denen in seinem Internat das Schuljahr endet, wird sein Lieblingslehrer die Anstalt verlassen, um nach England zurückzukehren. Und das Mädchen, mit dem er gerade ein schüchternes Techtelmechtel begonnen hat, seine erste große Liebe, soll auf eine Schule in der Schweiz geschickt werden. Als er dieser Margaret Lebewohl sagt, mischt sich bei Charles Verzweiflung mit Trotz. „Alles ist so sinnlos“, klagt er. „Wir verstehen die Erwachsenen einfach nicht.“ Doch Margaret, deren Gesicht bleich ist vor Trauer, entgegnet: „Wir? Sie verstehen uns nicht! Was mit uns ist, ist ihnen völlig egal. Wir gehören ihnen, und sie können mit uns machen, was sie wollen.“

"Was sie begehren", ein meisterhafter Adoleszenzroman

„Was sie begehren“ heißt der meisterhafte Adoleszenzroman von Kenneth Mackenzie, der ursprünglich 1937 unter dem Titel „The Young Desire It“ in einem Londoner Verlag erschienen ist. Schon die deutsche Übersetzung macht klar, dass es hier mehr um Sehnsucht als um Erfüllung geht. Denn der Held des Buches taugt nicht zur Auflehnung gegen die Verhältnisse. Er ist kein Rebell, sondern ein Träumer. Aus Konflikten flieht er ins Schweigen. Als er aus der abgelegenen Farm, wo er allein mit seiner Mutter aufwuchs, ins Internat kam, endete damit für ihn eine lange Kindheit der Freiheit. Wer will, kann in diesem Tagträumer ein Selbstporträt des Autors erkennen. Mackenzie, der 1913 im westaustralischen Städtchen South Perth zur Welt kam, hat selbst eine Boarding School in einem ländlichen Vorort besucht, ein elitäres Institut nach englischem Vorbild.

Der „Befehlston der Glocke“, vor dem Charles Fox zu Beginn jeder Schulstunde aufschreckt, muss sich dem Schriftsteller tief eingeprägt haben. Es ist das Signal von Disziplin und Dressur. Immer wieder spiegelt Mackenzie die Gemütszustände seines Protagonisten in der Natur und fasst sie in poetische Bilder. So fängt Charles in einer Pause während seines letzten Prüfungstages „eine große Halmfliege mit Glubschaugen und gläsernen Flügeln“, trägt sie „im geschlossenen Käfig seiner Hände“ hinaus und wirft sie schwungvoll in den Himmel. „Die Sonne sog das Tier ein und es war verschwunden.“ Ähnlich einfach würde der Schüler, das weiß er, dem Käfig seiner Pflichten nicht entkommen können.

Kampf gegen die Langeweile

Dabei handelt „Was sie begehren“ keineswegs vom Kampf gegen ein autoritäres Schulsystem, dessen Kälte – wie in Robert Musils Klassiker „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ – den Sadismus seiner Insassen weckt. Der einzige Kampf, den die Schüler in diesem Provinzinternat auszutragen haben, ist der gegen die Langeweile. Selbst die berüchtigten Initiationsriten sind hier bloß ein Stück Folklore, bei dem allenfalls ein paar blaue Flecken herausspringen. Als Charles in seiner ersten Nacht an der Schule von seinen Klassenkameraden in einen Korb mit stinkender Dreckwäsche gesteckt und vom Schlafsaal in den Waschraum geschubst wird, rettet ihn der junge Altsprachenlehrer Penworth vor weiteren Torturen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, bei der bald die Grenze zwischen Zuneigung und Zudringlichkeit zu verschwinden droht.

Penworth, nur zehn Jahre älter als sein Schützling, sieht sich ebenfalls als Außenseiter. Der Engländer ist stolz auf seinen „eleganten Akzent“ sowie das Oxford-Studium und blickt herablassend auf seinen neuen Aufenthaltsort. Sie lesen gemeinsam Shakespeare und die antiken Autoren, und einmal greift der Lehrer dabei dem Schüler „zielsicher an den Oberschenkel, direkt über dem nackten Knie“. Penworth nimmt seine Hand wieder weg, doch später bedrängt er Fox einmal so sehr, dass der ihn wegstößt. Worauf der Pädagoge zischt: „Mach nicht so einen Aufstand, du Idiot!“ Ein kurzes Handgemenge, das den heutigen Leser an die pädokriminellen Vorfälle an der Odenwaldschule erinnert. Auch dort machten die Täter ihre Opfer – „Aufstand“, „du Idiot!“ – verbal zu Tätern. Doch ist Penworth überhaupt ein Täter? Körperlich hält er sich fortan fern von Fox, und ihre Freundschaft zerbricht nicht an dem Vorfall.

Mackenzie hat eine lyrische Sprach gefunden

Überhaupt bleiben in „Was sie begehren“ die Dinge kunstvoll in der Schwebe. Die Handlung, in der sogar der Selbstmord des Schuldirektors bloß beiläufig registriert wird, erscheint beinahe nebensächlich. Worauf es ankommt, ist die Weltwahrnehmung des Helden, dessen Stimmungen übersensibel auf die Umwelt reagieren. Dafür hat Kenneth Mackenzie eine fast lyrische Sprache gefunden, die von Viola Siegemund in ein geschmeidiges Deutsch gebracht wurde. Von „Wachstumsschmerzen der Seele“ ist da die Rede und von Sommerregentropfen als „Schweißperlen des Himmels“. Menschen seien „gemeiner als die Natur“, glaubt Fox. Da ist es nur folgerichtig, dass ihm seine spätere Geliebte Margaret zum ersten Mal während der Ferien in einer Waldeinsamkeit begegnet, wie eine Naturerscheinung.

Kenneth Mackenzie ertrank nach drei weiteren Romanen 1955 mit 41 Jahren bei einem Badeunfall. Man muss sein Debüt nicht gleich, wie die „Washington Post“, in eine Reihe mit Joyce’ „Porträt des Künstlers als junger Mann“ stellen. Aber ein moderner Klassiker ist diese Wiederentdeckung zweifellos.

Kenneth Mackenzie: Was sie begehren. Roman. Aus dem Englischen von Viola Siegesmund. Hanser Berlin, 2014, 352 S., 21,90 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben