Kultur : "Commesso Viaggiatore": Forum: Not eines Handlungsreisenden

Daniela Sannwald

Kilometer fressen auf nächtlichen Landstraßen: Links ist der Mittelstreifen gerade noch sichtbar; die entgegen kommenden Wagen sind nur durch ihre Scheinwerfer zu erkennen; nach vorne die Fahrbahn als endloses Band. Die erste Einstellung von "Commesso Viaggiatore" dauert lang, fast unerträglich lang und enthält bereits die Essenz dieses kargen, kunstvollen, beängstigenden Schwarzweißfilms von Francesco dal Bosco.

Er erzählt vom Kosmetikvertreter Michele, der von düsteren Ahnungen und Zwangsvorstellungen gequält wird. Immer schwerer fällt es ihm, seinen Beruf auszuüben und vor allem, sich seiner Frau Laura verständlich zu machen, die er von unterwegs aus immer wieder bittet, nach den Kindern zu sehen. Einmal, als er mit Laura über seine Zukunftsträume spricht, sagt er: "Wir werden durch die Stadt gehen, und niemand wird uns sehen." Unsichtbar möchte er für die imaginierten Verfolger sein, die ihm ständig auf den Fersen zu sein scheinen.

"Commesso Viaggiatore" visualisiert Micheles Identitätsverlust. Die Bilder kippen im Lauf des Films fast unmerklich nach rechts: Unaufhaltsam rutscht der Handlungsreisende aus der Realität hinaus. Sorgfältig hat dal Bosco die Einstellungen komponiert. Sie bleiben gerade so lange stehen, bis sie fremd zu wirken beginnen. Micheles Realitätsverlust entfaltet seine Wirkung über die Grenzen der Leinwand hinaus. Und dazu hört man Stimmen.

Immer wieder reibt sich Michele mit beiden Händen das Gesicht, als könnte er damit seine existenzielle Müdigkeit vertreiben. Dann steht er eines Nachts in der Küche und macht seiner Frau eine Liebeserklärung. Sie sieht ihn an und zieht die Jacke enger um sich, fröstelnd. Ein anderes Mal sitzt er vor dem neuen Sofa und starrt es an: Es wird, so scheint es, immer größer. Am Ende eine Art home movie: Super-8-Bilder einer glücklichen Familie, die in der Herbstsonne spazieren geht. Im Off Micheles Stimme: "tutto perfetto."



0 Kommentare

Neuester Kommentar