Kultur : Commodore Dutch und Lady Olga Meisterwerke des literarischen Journalismus:

Joseph Mitchells New Yorker Reportagen

Johannes Groschupf

Joseph Mitchell war ein höflicher, unauffälliger Mann mit Anzug, Filzhut und einer Schwäche für Herumtreiber, Trunkenbolde, Exzentriker, Schausteller, Straßenprediger und Schwadroneure. Sein Revier war das New York der 30er, 40er und 50er Jahre, und heute noch gilt er als der beste Reporter, der je für den „New Yorker“ schrieb. Seine Liebe galt den Kaschemmen in der Bowery und am alten Hafen, den Lebensentwürfen der Tagediebe und Habenichtse. „Mein Thema waren nicht die kleinen Leute“, sagte er, „sie sind so groß wie du und ich, ganz egal wer wir sein mögen“.

Mitchell schrieb knapp und präzis. Seine Reportagen, aus denen eine Auswahl nun endlich, elegant übersetzt von Sven Koch und Andrea Stumpf, auch auf Deutsch vorliegt, sind getragen von einem schwarzen Humor, der auf jegliche Wertung verzichtet, und von einer Wertschätzung seiner Gegenüber, die diese niemals bloßstellt. Mit wenigen Worten führt Mitchell ins McSorley’s, die älteste Bar der Stadt, ein: „Es ist eine ruhige Kneipe; der Barmann macht keinen unnötigen Handgriff, die Gäste halten sich an ihren Ale-Gläsern fest und die drei Uhren an den Wänden können sich schon seit Jahren nicht auf eine gemeinsame Zeit einigen.“ Am Ende der Beschreibung meint der Leser, die ganze Belegschaft der Bar zu kennen, bis hin zu Minnie, der faulen Katze, die in der Kohlenschütte neben dem Ofen schläft.

Mitchell war nicht nur ein genauer Beobachter, sondern vor allem ein begnadeter Zuhörer, der seine Figuren oft seitenlang zu Wort kommen lässt und ihnen in die feinsten Verästelungen ihrer Logik folgt. So setzte er Mazie ein Denkmal, der resoluten Kartenverkäuferin eines heruntergekommenen Kinos, die tagsüber die schnarchenden Gäste aus dem Publikum scheuchte, nach Mitternacht aber die Penner auf der Straße mit Decken, Seife und Lebensmitteln versorgte.

Er besuchte Arthur Colborne, den Gründer und Vorstand eines Vereins gegen das Fluchen („Sie werden es kaum glauben, aber die Frauen sind noch schlimmer als die Männer“) und porträtierte den extravagantesten Bettler New Yorks, der nicht Almosen nahm, sondern Beiträge kassierte: „Commodore Dutch ist ein schnoddriger kleiner Mann, der in den letzten vierzig Jahren seinen Lebensunterhalt damit verdient hat, dass er jährlich einen Ball zu seinen Gunsten veranstaltet.“ Lady Olga hingegen hat sich ihr Leben lang auf Jahrmärkten ausstellen lassen: „Miss Barnell ist eine Bartfrau. Ihr dichter, krauser Bart ist heute fast fünfunddreißig Zentimeter lang, so lang wie noch nie. Seit er ergraut ist, trägt sie ihn nach alttestamentarischer Art ungestutzt.“

Mitchell schrieb eine fast ethnologische Studie über die Mohawks im Stahlbau, Indianer, die als Bauarbeiter auf Brücken und Wolkenkratzern stets begehrt – da schwindelfrei – waren, und mit akribischer Geduld schildert er die Betrugsmasche, mit der alte Wahrsagerinnen ihren Kundinnen das Geld aus der Tasche zogen. Zum Verhängnis wurde Mitchell die langjährige Bekanntschaft mit dem Schnorrer und Bohemien Joe Gould, der angeblich an einem riesigen Werk schrieb, einer Mitschrift aus 20 000 Gesprächen, die er auf seinen Streifzügen durch die Stadt aufgeschnappt hatte. Seinen Ehrentitel „Professor Möwe“ verdankte er der Behauptung, die Sprache der Möwen zu verstehen und selbst zu sprechen, was er auf Partys gern unter Beweis stellte. Das ominöse Werk, in zahllosen Kladden voller Kaffee-, Fett- und Bierflecken, neunmal so lang wie die Bibel, fand nie einen Verlag. Sieben Jahre nach Goulds Tod lüftete Mitchell dessen Geheimnis – und verstummte. Die nächsten 31 Jahre und sechs Monate kam er fast täglich zur Arbeit, aber er veröffentlichte keine einzige Zeile mehr. Mitchell starb 1996. Das McSorley’s gibt es übrigens heute noch: 15 East 7th Street. Johannes Groschupf







Joseph Mitchell
: McSorley's Wonderful Saloon. New Yorker Geschichten.

Diaphanes, Zürich 2011. 416 Seiten,

22,90 €.

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