Kultur : Computer wollen dichten

Kerstin Decker

Um 24 Uhr 17 ozeanischer Zeit erreicht Eddie Constantine Alphaville. Constantine heißt hier Iwan Johnson alias Lemmy Caution und ist Reporter der "Figaro-Pravda". Über die nähere Natur dieses bemerkenswerten journalistischen Produkts gibt uns Jean-Luc Godard keine Auskunft. Aber warum sollte die Nouvelle Vague nicht auch den Journalismus neu erfinden? Auf jeden Fall muss es sich um ein vorwärtsweisendes Erzeugnis handeln, denn Iwan Johnson ist der einzig Gute in Alphaville. Und Geheimagent der "äußeren Länder" im Nebenberuf.

Der einzige Mensch hier, müsste man altertümelnd sagen. So wie im "Herrn der Ringe" die Bewohner des Auenlands die einzigen "Menschen" sind, fehlbar und gut, und wie alles Gute umdroht von Vernichtung. Die anderen sind Halbautomaten, Vollautomaten, Lemuren, so wie die apokalyptischen Reiter im "Herrn der Ringe".

Man muss sich diese Woche entscheiden, ob man lieber den "Herrn der Ringe" oder "Alphaville" - die Wiederaufführung - sehen will. Gleiches Thema: Wie sollen wir leben? Gleicher ideeller Grundgehalt: Böse ist die grenzenlose Macht, schon weil sie Paul Eluard nicht kennt. Nur kommt der Ärger einmal aus der Zukunft und das andere Mal aus der Ur-Vergangenheit. Auch sieht Frodo Beutlin im "Herrn der Ringe" etwas anders aus als Eddie Constantine. Zudem soll der "Herr der Ringe" ein bißchen teurer gewesen sein als die Nouvelle Vague vor 35 Jahren. 270 Millionen. Schiffsuntergänge sind dagegen spottbillig ("Titanic" 200 Millionen), am kostengünstigten aber ist der Schrecken aus der Zukunft.

Die Stadt Alphaville, beherrscht von dem gigantischen Computer "Alpha 60" auf dem Weg zur Weltherrschaft. Nun gut, kein Mensch würde sich Alpha 60 heute noch ins Hobbyzimmer mitnehmen. Zuviele Glühbirnen und dazu diese Traktorengeräusche beim Rechnen. Außerdem redet Alpha 60 zuviel. Ein Grund für die Wiederaufnahme von "Alphaville" war auch, den Computer endlich wieder im Originalton zu hören. Aber man bemerkt doch sofort die angenehme Verschwiegenheit der apokalyptischen Reiter im "Herrn der Ringe". Ein stummes Böses ist sozial viel rücksichtsvoller als ein Böses mit Kommunikationsdefizit.

Immerhin tut Eddie Constantine das einzig Naheliegende: Er füttert "Alpha 60" mit moderner Lyrik. Paul Eluard! - In diesen Momenten fühlen wir uns dem Figaro-Pravda-Reporter so nah wie nie, denn wer kennt nicht diese Diskussionen aus seiner Studienzeit? Immer wollen einem irgendwelche Fanatiker der zweiwertigen Logik beweisen, dass Computer denken können. Und man antwortet: Aber die verstehen doch keine moderne Lyrik! Eine halbwegs intelligente Interpretation von Eluards "Hauptstadt der Schmerzen" ist von ihnen nicht zu erwarten. In "Alphaville" wird exekutiert, wer unlogische Fragen stellt. Oder Fragen, die die Logiker für unlogisch halten. Godard hat recht. Man kann gar nicht früh genug warnen.

Natürlich ist "Alphaville" ein wenig technikfeindlich; vielleicht hatte er gerade Heideggers "Die Zeit des Weltbildes" gelesen. Die moderne Welt als Gestell. Das hat er gefilmt. Schön ausgeleuchtet, kongenial kalt.

Vor allem aber ist "Alphaville" aber ein Flurfilm. Immerzu laufen wir durch Hotelkorridore. Das Hotel heißt "Roter Stern", sieht aber aus wie ein amerikanisches B-Movie-Mittelklassehotel. "Herr der Ringe" ist auch Flurfilm, jedenfalls solange alle durch die Unterwelt müssen. Tolkien hat bestimmt nie "Die Zeit des Weltbilds" gelesen.

Noch eine Gemeinsamkeit zwischen "Alphaville" und dem "Herrn der Ringe" ist hervorzuheben: das Böse ist nur besiegbar im Herzen des Bösen. Durch sich selbst. Alpha 60 verrechnet sich an Paul Eluard. Und im "Herrn der Ringe" ...

Der Unterschied zwischen beiden liegt im Schluss, im Augenblick der Erlösung. Eddie Constantine muss die "Alphaville"-Bürgerin Anna Karina - Natascha Vonbraun, Tochter des bösen Computerbauers Prof. Leonard Vonbraun - erlösen. Da ist das Ende im "Herr der Ringe" aber eindeutig avantgardistischer!

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