Concertgebouw Orchestra beim Musikfest : Wenn der Klang zu Gold wird

Erhaben, lebendig, zukunftsweisend: Das Amsterdamer Royal Concertgebouw Orchestra begeistert mit Stücken von Rihm und Bruckner beim Musikfest.

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Daniele Gatti, seit 2016 Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra.
Daniele Gatti, seit 2016 Chefdirigent des Royal Concertgebouw Orchestra.Foto: Kai Bienert / Mutesouvenier

Während das Publikum nach der Pause hereintrödelt, sitzt das Orchester schon vollständig auf dem Podium. Soviel Selbstbescheidung ist selten, kein Auftrittsapplaus im Licht. Das eigenartige Understatement kontrastiert mit künstlerischer Höchstleistung. Denn der Abend in der Philharmonie gehört dem Royal Concertgebouw Orchestra, und das Spitzenorchester, dessen Mitglieder aus zahlreichen Ländern kommen, steigt zu einem Gipfel des Musikfestes auf.

Um künftigen Karrieren die Hand zu reichen, treffen die Musiker aus Amsterdam zunächst mit dem deutschen Bundesjugendorchester zusammen. Gespielt wird zur Eröffnung die „Euryanthe“-Ouvertüre von Weber, und es versteht sich, dass aus der pädagogisch verstandenen Gemeinschaft noch kein „Klangkörper“ wird. Aber ein Zusammenfinden im Ton. Das Orchester hat ja gerade bei Young Euro Classic für Begeisterung gesorgt.

Das Gemäuer der Kirche tönt mit

Das Concertgebouw-Orchester wählt als modernen Beitrag „Inschrift“ (1995) von Wolfgang Rihm. Das Stück ist im 20. und zugleich in der venezianischen Republik des 16. und 17. Jahrhunderts verankert, denn es war ein Auftrag von San Marco. Der Mehrstimmigkeit im Markusdom setzt Rihm eine Orchesterkomposition entgegen, die Räumlichkeit in die Musik einschreiben will. Das Gemäuer der Kirche tönt sozusagen mit, wenn Röhrenglocken, tiefe Bläser und Streicher ohne Bratschen und Violinen ein erhabenes Dunkel beschwören.

Die goldene Streicherkultur des Concertgebouw-Orchesters ruht in seiner Tradition, in der Aneignung Mahlers und Bruckners. Diesen Klang hat besonders Bernard Haitink gehütet. Seit 2016 ist Daniele Gatti Chefdirigent. Wie er und seine Musiker nun die letzte Symphonie von Anton Bruckner interpretieren, das gerät zu einem Wunderwerk. „Dem lieben Gott“ wollte der Komponist das Werk gewidmet wissen, aber das Religiöse schließt nicht aus, dass er auch hier seinen geliebten Ländler einlässt. Staunenswert gelingt zu dem Oboensolo im Scherzo die diskrete Intensität der Violinen. Gatti baut auf das subtile Entgegenkommen des Orchesters. Die liegenbleibenden Klänge der Neunten erscheinen nicht mystisch, sondern bezwingend in ihrer zukunftweisenden Haltung. Natürlich fließend entfaltet die Musik ihre innere Lebendigkeit.

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