Contemporary Fine Arts : Anselm Reyle und Raymond Pettibon

Oben wirkt erst mal alles leicht. Kein Stäubchen im Anselm-Reyle-Himmel. Unten, das heißt: im Erdgeschoss zeigt Contemporary Fine Arts die Gegenthese: Raymond Pettibons Zeichnungen wirken im Kontrast noch aggressiver als sonst. Ein starkes Doppel.

Jens Hinrichsen

Im Gegensatz zu Pettibon feiert Anselm Reyle seine CFA-Premiere. Vor einigen Jahren brachten Differenzen zwischen Galerie und Künstler eine Ausstellung zum Platzen. Jetzt zeigt der Star, nach seiner eindrücklichen Tübinger Werkschau wieder obenauf, wie er seine Verwertungsästhetik weiterentwickelt hat (Preise zwischen 45000 und 190 000 Euro). Das gilt für die Bilder. Die Sofas darunter erschöpfen sich im platten Witz. Sie sollen – Achtung: Ironie – nicht mehr als die Sofas zum Bild sein. Die mit Patchworkstoffen überarbeiteten Möbel erinnern an Franz-West-Stühle oder auch an „Memphis“-Design. Man würde wenigstens gern drauf sitzen dürfen.

Nach wie vor bedient sich der 1970 in Tübingen geborene Künstler am Treibgut der Nachkriegsmoderne. Die in Reyles Kreuzberger Factory dank vieler Helfer entstehenden Skulpturen, Reliefs und Bilder sind Synthesen aus Fundstücken, bringen Op-Art, Informel, Hard-Edge oder Minimal Art in eine eigentümliche Balance. In seinen neuen Arbeiten lässt Reyle wie in seinen früheren Streifenbildern unterschiedlichste Farb- und Materialflächen aneinanderstoßen. Das abstrakte Raster weicht nun allerdings einer für den Künstler ungewöhnlichen Ikonografie: Delfine, Pferde, Hunde und ein Hamster tummeln sich in der Schau. Ein Zoo? Im Ernst?

Die Ziffern in den freien Flächen verweisen auf die berühmt-berüchtigten „Malen nach Zahlen“-Vorlagen und zugleich auf Andy Warhols „Do it yourself“-Paintings der Sechziger. Doch Reyle produziert nicht so sehr Pop-Art, er hat eher ein Update der abstrakten Moderne im Sinn. Und lässt die figurativen Bezüge an vielen Stellen wieder verfallen. Zu sehen sind einige mittlere Formate, in denen Reyle die Umrisslinien der Tiervorlagen bis ins Ungegenständliche vergrößert. Woanders überlädt er die Ausfüllfelder derart mit Effekten, dass die Kenntlichkeit – und auch die Niedlichkeit etwa eines Pudelgesichts – unter der Last von Farbe, Struktur und eingestreutem Glitter schier zusammenbricht.

Es ist wohl dieser ironische Umschlag, oder sagen wir: das bisschen Rattengift im Zuckerschaum, dem Anselm Reyles neue Werke ihr spezifisches Gewicht verdanken.

Contemporary Fine Arts, Am Kupfergraben 10, bis 11.6., Di-Fr 11-18, Sa 11-16 Uhr

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