Context-Festival im HAU : Habt euch lieb!

Fremde Lust: das Context-Festival "Politics of Ecstasy" im Hebel am Ufer verspricht nichts weniger als Ekstase zum Anschauen und Erleben.

Sandra Luzina

Hochgefühle haben derzeit nicht gerade Konjunktur. Dem permanenten Krisengerede setzt sich jetzt beherzt das Context-Festival im Beriner Hebbel am Ufer entgegen: „Politics of Ecstasy“, kuratiert von dem Choreografen Jeremy Wade und dem Dramaturgen Eike Wittrock, trägt den Untertitel „Altered States of Presence“. Versprochen wird nichts weniger als Ekstase zum Anschauen und Erleben. Nun ist der Titel „Politics of Ecstasy“ einem Buch des LSD-Gurus Timothy Leary entliehen, der einst die Losung ausgab: „Turn on, tune in, drop out.“ Zudem werden im Programmheft die „Doors of Perception“ von Aldous Huxley zitiert.

Wenn man derzeit am frühen Abend das HAU 2 betritt, dann öffnen sich nicht automatisch die Pforten der Wahrnehmung. Man fühlt sich in eine Volksküche versetzt. Das bunte Völkchen, das auf rosa Kissen lagert, wirft sich keine Pillen ein, sondern kaut am Cassoulet von Festival-Koch Manuel Czech. Dessen „Ecstatic Kitchen“ stimmt an fünf Abenden auf die folgenden Entgrenzungserfahrungen ein – leider seien die weißen Bohnen diesmal ein wenig zu hart geraten, wendet Czech selbstkritisch ein. Doch ihm geht es weniger um kulinarische Höhepunkte, als um Kochen und Essen als gemeinschaftliches Erlebnis. Derweil schnippeln HAU-Intendant Matthias Lilienthal und die israelische Choreografin Yasmeen Godder vor laufender Kamera fleißig Schalotten. Die Künstler leisten ihren Dienst an der Gemeinschaft, so die sympathische Idee des Festivals, das sich betont anti-elitär gibt.

Angelockt vom schillernden Ekstase-Begriff drängt sich erwartungsvoll das Jungvolk. Doch auch erfahrene Theater-Maniacs schauen vorbei. Um es nochmals klarzustellen: Nicht um drogeninduzierte Ekstasen geht es bei diesem Festival, es wird auch keine neue Sekte gegründet. Die Künstler treten als Experten fürs Dionysische auf – und vertrauen ganz den bewährten Techniken von Tanz und Musik. Ergänzend wird in einer Vortragsreihe das Phänomen der Ekstase aus ethnologischer, anthropologischer und psychoanalytischer Sicht untersucht.

Ein Zerrbild der Gewalt: Die Orgie hat nichts Befreiendes

Die israelische Choreografin Yasmeen Godder versteht sich dabei nicht als Trance-Vortänzerin, als psychedelischer Coach oder Beglückerin der Massen. Ihre Produktion „Singular Sensation“ zielt nicht auf die Verzückung der Zuschauer; Godder wirft vielmehr einen kritischen Blick auf unser Verlangen nach Ekstase. Ihre fünf Tänzer versetzt sie in eine Art Dauererregung, bis diese fast schon debil wirken. In „Singular Sensation“ stürzen sie sich in wilde Bühnenorgien, die allerdings nichts Anarchisch-Befreiendes haben. Bilder und Bewegungen der sexuellen Ekstase werden ausgestellt – allerdings in stark verzerrter Form. Lasziv lassen die Performer ihre Zunge kreisen, setzen sich als durchtriebene Verführer in Szene und fordern exhibitionistisch die Blicke des Publikums heraus. Doch hier kann sich keiner an der fremden Lust berauschen.

Es ist fast unerträglich, wie die drei Frauen und zwei Männer in permanenter Selbst- und Fremdstimulation zucken und zappeln. Eine Reizsteigerung, die in Zwang mündet, in Gewalt und Regression. Unerbittlich steuert das Stück auf seinen orgiastischen Höhepunkt zu. Da fesseln die Tänzer einander mit Strumpfhosen und verstricken sich in bös-komische SM-Spielchen. Oder sie wälzen sich in rotem Glibber und besprühen sich mit giftgrüner Farbe. „Singular Sensation“ ist ein zutiefst verstörendes Stück, denn hinter den sadistischen Spielen lässt sich durchaus ein politischer Subtext ausmachen.

Eine kuschelige Wärmestube

Weit weniger exzessiv geht es bei der „Task Factory“ zu. Meg Stuart und Jeremy Wade wollen sich zusammen mit anderen Performern an mehreren Improvisationsabenden entgrenzen. Meg Stuart steigt anfangs auf den roten Tisch, um den sich die Akteure versammelt haben. Sie deutet die Bewegungen von Josephine Baker an, die in einem Filmausschnitt zu sehen ist. Es wird herumgealbert, geknutscht und ein kollektiver Orgasmus simuliert – und alle haben sich lieb.

Den Schlüssel zur Ekstase haben die Künstler bislang noch nicht verraten. Das HAU gleicht eher einer kuscheligen Wärmestube, in der man in diesen unterkühlten Zeiten gerne zusammenrückt. Die kommenden Nächte lassen aber auf wahre Tanzmanien hoffen. Jeremy Wade, der sich als Bühnenderwisch einen Namen gemacht hat, zelebriert sein neues Solo „I offer myself to Thee“, das von Hingabe und der Produktion von Glücksgefühlen handelt. Wem das nicht reicht, der kann sich in der Schwitzhütte nach indianischem Ritual reinigen und mit Mutter Erde verbinden. Es handelt sich übrigens um eine „Gender-complex“-Schwitzhütte – sie steht beiden Geschlechtern offen.

Jeremy Wade: „I Offer Myself to Thee“, heute, 26. 1., um 20 Uhr im HAU 1. „Politics of Ecstasy“ läuft bis zum 31. Januar, HAU 1 – 3. Infos: www.politicsofecstasy.org

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