Kultur : Cool drauf, schlecht dran

In der Spaßhölle: Paul Plampers „Woyzeck“ in den Sophiensaelen

Peter Laudenbach

Von Peter Laudenbach

Der junge Mann wirkt ein wenig verwirrt. In Szene-Militaryhose und T-Shirt macht er sich an eine befremdliche Selbstdefinition: „Ich bin die Wissenschaft. Ich bin ein lebendes Skelett. Die ganze Menschheit studiert an mir. Was ist der Mensch. Knochen, Staub, Sand Dreck.“ So ist das mit der Jugend. Gerät sie in seelische Konfusion, ist gleich die ganze Menschheit schuld. Kommen dann noch Drogen zu den postpubertären Qualen, mutiert der Jungmann metaphernselig zum Leidensskelett und der Expressionismus feiert fröhlich depressive Comebacks.

Strafverschärfend kommt hinzu, dass in diesem Fall die bewusstseinserweiternde Substanz ausschließlich aus Erbsen besteht, was eine gewisse Dumpfheit im Rausch-Auftritt erklären mag. Der junge Mann, der auf der Bühne der Sophiensaele stieren Blicks und mit energisch malmender Gesichtsmuskulatur seine Probleme zu Protokoll gibt, ist kein Geringerer als Georg Büchners Woyzeck. Er hat sich in einen desorientierten Menschen aus Mitte verwandelt, ein empfindliches, aber nicht besonders helles Gemüt, dem die vielen Nächte mit den vielen Drogen nicht so gut bekommen sind. Wenn die abgestandene These vom „Ende der Spaßgesellschaft“ noch einer theatralischen Illustration bedarf, Paul Plampers Inszenierung liefert sie. Dieser Woyzeck geht nicht wie ein aufgeklapptes Messer durch die Welt, eher liegt er wie ein weggeworfener Koks-Löffel auf der Theke.

Es hat eine gewisse Logik, dass der Arzt, der an Woyzeck seine Experimente treibt, ebenso wie die Herren, die den armen Kerl schikanieren, der Trambourmajor oder der Hauptmann, sich in drei müde rappende Szeneschnösel verwandelt haben. Ihre Trenchcoats sind mit futururistischen Mustern aufgemotzt und weil wir im Poptheater sind, sprechen sie ihre durch den Textteilchenbeschleuniger gejagten Büchner-Sätze logischerweise in die unvermeidlichen Mikrofone. Als Ausweis etwas verspäteter Zeitgenossenschaft bemüht die Aufführung sanftes Techno-Geblubber, eine Art musikalischer Elektrosmog, der Woyzecks Ausbrüche sanft sediert.

Der simple Kontrast zwischen coolen Schnöseln (Danny Bruder, Angelika Sautter, Wuzi Khan) und dem verschwitzt stammelndem Woyzeck (Stefan Kolosko) ist fast die einzige Idee dieser Inszenierung. Die andere besteht darin, Woyzecks Liebesszenen mit Marie hinter der Bühne stattfinden zu lassen und als Schwarzweiß-Übertragung auf die Bühne zu projizieren. Das ist ein einigermaßen sinnfrei eingesetzter Effekt, der nichts erzählt – außer der Tatsache, dass dem Regisseur die letzten Aufführungen von Frank Castorf, René Pollesch oder William Forsythe nicht entgangen sind.

Selbst Claudia Splitt als Marie kann mit ihrer lässigen Erotik und einigen umwerfenden Momenten den Abend nicht retten. Was an der Oberfläche wie eine sich an die Clubszene anbiedernde, diffus zeitgeistige Büchner-Adaption aussieht, ist eine außerordentlich narzisstische Woyzeck-Banalisierung: Die Nachtleben-Figuren dieser Inszenierung entdecken überall nur sich selbst. Die Welt, Büchners Stück und Woyzecks Elend interessiert sie lediglich als eigenes Spiegelbild. Das ist nicht cool, sondern ein Fall von Autismus.

Der Umgang mit Büchners Text bleibt vollkommen oberflächlich, seine knappe Lakonik wird sentimentalisiert und auf Effekt getrimmt. Vielleicht könnte man diese Form, eigene Ignoranz zum Prinzip zu machen, als Pisa-Theater bezeichnen. Das ist um so bedauerlicher, als dem Regisseur Paul Plamper in der Vergangenheit, zum Beispiel mit dem „Projekt RAF“ oder Martin Wuttkes Artaud-Solo am Berliner Ensemble sehr intelligente Arbeiten gelungen sind.

Wieder 5. - 9. Februar

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