Kultur : Coole Eltern nerven

Eine Generation wird ausgemustert (3): Wie die Jungen Rot-Grün sehen

Robert Ide

Was war eigentlich Hartz I? Wie funktioniert die Riester-Rente? Gibt es noch Jobfloater? Von Rot-Grün wird vieles nicht bleiben. Weil wir es schon wieder vergessen haben. Jetzt fangen wir von vorne an. Unabhängig davon, welche neuen Begriffe erfunden werden: Es ist schon ein Fortschritt, die alten hinter sich zu lassen.

Ob CDU, CSU und FDP modern sind, müssen sie erst beweisen. Als sie 1998 abgewählt wurden, war ihr Weltbild provinziell und auf das deutsche Wachstum beschränkt. Den Blick zu weiten für andere Kulturen des Wirtschaftens, Zusammenlebens und Genießens – das hat uns Rot-Grün beigebracht. Für viele Ältere mag das ein schmerzhafter Prozess gewesen sein, für uns Jüngere war es eine Erlösung. Endlich war Kiffen kein Verbrechen mehr, das Märchen von der sicheren Rente wurde nicht weitererzählt. SPD und Grüne waren modern, weil sie einen gesellschaftlichen Kassensturz machten.

Die Jugend hat ein Privileg: Sie kann probieren, muss sich nicht gleich festlegen. Offen zu sein für Experimente – das fällt im Alter immer schwerer. In dieser Hinsicht hat sich die rot-grüne Regierung redlich bemüht, jugendlich zu sein. Nur Oskar Lafontaine sah beim Tanzen ein wenig peinlich aus. Am Anfang wurden Hoffnungsträger wie Jost Stollmann aufgestellt, Unternehmer von Welt ohne politischen Floskelschatz. Dann ging es der Agrarlobby an den Kragen, ebenso dem Kartell der Krankenkassen. Doch nach einer gewissen Zeit rieb sich der Mut ab. Die Regierung ließ sich einweben in Kompromisse und Zwänge, nun schreitet sie oft Seit an Seit mit grauen Verbandsfunktionären. Beim Irak-Krieg gab es eine klare Ansage, auch bei der Agenda mit dem blöden Namen Zwanzichzehn – aber sonst? Viele Dinge wurden leidenschaftslos ausgehandelt, vieles in Kommissionen verlagert. Das Probieren wurde mit Routine organisiert. Es verlor seinen Reiz.

Inzwischen bemitleidet mich sogar meine Oma. Wenn ich sie in ihrer kleinen Wohnung am Stadtrand besuche, reden wir über Politik. Früher habe ich ihr von meinen ersten Aktienkäufen erzählt und von dem Gefühl, als junger Deutscher um die Welt zu reisen – ohne Komplexe. Ich habe ihr auch erklärt, warum ich das Dosenpfand gut finde und die Praxisgebühr unausweichlich. Sie hat mir das alles gern glauben wollen. Inzwischen merkt sie, dass ich selbst den Überblick verliere, welche Neuerung wie lange Bestand hat. Natürlich war Hartz IV richtig, weil es Förderung mit Forderung verband. Doch diese Reform verriet schon im Namen, worin ihr eigentlicher Sinn liegt: im Bürokratischen. Meine Oma und ich – wir lassen das Thema inzwischen.

Zugegeben, Begeisterung und Werthaltigkeit von der Politik einzufordern ist einfach. Rot-Grün hat sich viel Mühe gegeben in Sachen linker Leitkultur. Als ich Jürgen Trittin einmal in den Schönhauser Allee Arcaden beim Tomateneinkauf begegnete, hat mich das beruhigt. Diese Künasts und Fischers – sie sind so verdammt normal. Während die Opposition vor allem uncoole Oberlehrer zu bieten hatte, wollten die Minister coole Eltern sein. Doch coole Eltern nerven irgendwann. Welche langfristigen Werte der Tomateneinkäufer Trittin als Umweltminister geschaffen hat – außer dem Dosenpfand –, ist mir bis heute nicht so klar. Wenn ich auf der Autobahn an den Windparks vorbeifahre, beschleicht mich das Gefühl, sie wurden nicht für die Zukunft errichtet, sondern als Erinnerung an vergangene Grundsatzdebatten.

Die Vergangenheit von Rot-Grün haben wir uns oft anhören müssen. Inzwischen ist linksliberale Westalgie fast schon Staatsräson. Oft schwingt in den Erzählungen vom Pflastersteinewerfen die Forderung mit: Seid dankbar, dass wir für Euch durch die Institutionen marschiert sind! Ehrlich, wir sind dankbar dafür. Für mich ist es das größte Verdienst der 68er, dass sie die Bundesrepublik lässig gemacht haben und man ohne Gewissensbisse mit einer Deutschlandfahne ins Fußballstadion gehen kann. Aber ich will nicht ewig dankbar sein. Die Regierung von heute sieht alt aus, weil sie 68 nicht hinter sich lässt. Warum redet sie nicht lieber über die Folgen von 1989? An der Chefsache Ost zeigte Rot-Grün wenig Interesse. Noch immer kehren viele junge Mecklenburger und Sachsen ihrer Heimat den Rücken, weil sie sich nicht so nutzlos vorkommen wollen wie ihre Eltern. Auch hier, im Osten, ist viel junge Hoffnung verschenkt worden.

Rot-Grün hat selbst die Neugierigen irgendwann ermüdet. Kaum war die Bereitschaft für eine Sache geweckt, wurde schon wieder umgeschwenkt oder nachgebessert. Hektik wurde zum politischen Stilmittel Gerhard Schröders, so trieb er die eigene Partei vor sich her. Vielleicht ist Regieren heute nicht mehr anders möglich: Reiz aufnehmen, Thema besetzen, Sofortprogramm machen, drohen, durchsetzen – und dann mal sehen. Vielleicht ist nur auf die Schnelle und in der Krise etwas zu bewegen in diesem überregulierten, überalterten, mit Ansprüchen überfrachteten Land. Doch Toleranz für Veränderung und Mut werden so als Werte zerschlissen. Reform ist ein Schimpfwort geworden. Das hat Rot-Grün bewirkt.

Bisher erschienen: „Zwei linke Hände“ von Harald Martenstein (6.Juni) und „Bis wir schwarz werden“ von Jan Schulz-Ojala (10. Juni)

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