Kultur : Coole Landeier

THEATER

Nikola Richter

Mülltrennen kann sehr schön sein. Mit getrenntem Müll kann man zum Beispiel ein Bühnenbild aus Pappkartons bauen und der Sparsamkeit die Chance zur produktiven Selbstdarstellung geben. Der Karton dient in Sebastian Schugs Inszenierung Die Kinder bringen den Müll raus (Text Jan Friedhoff) als Badezimmer, als Sofa, Schrank, Bartheke, ja, sogar als Auto. Die Fahrt im Papp-Nissan durch eine leere Landschaft, „irgendwie Methadon“, ist dann auch eine der stärksten Szenen in dieser bös-witzigen Produktion im Theaterdiscounter . Vier junge Menschen aus Gütersloh gammeln zwischen Langeweile und Intimität herum und scannen die wiederkehrenden Heimat-Koordinaten ab: Turnhalle, Altglascontainer, Spielothek und so weiter. Im Rückspiegel nix Neues. Bis das eintönige Gelaber dann wie nebenbei eskaliert. In parallel gesetzten Kurzdialogen wird Wein verschüttet, der Brustkrebs der Mutter erwähnt – und fast knallt einer gegen einen Baum. Auch egal.

Eigentlich eben nicht egal. Zwar sind die vier coolen Landeier zugemüllt mit Fastfood, sexueller Totalaufklärung und medial geprägten Sehnsüchten, aber sie wissen auch um ihre Zerbrechlichkeit. Das Ensemble, allesamt UdK-Absolventen, wechselt die Spielformen wie der CD-Wechsler die CDs. Soap-Imitation und Computer-Spiel-Gestik münden in Real-Satire, wenn der Besuch des amerikanischen Präsidenten die letzte Hoffnung auf gesellschaftliche Aktion bietet. Am Ende leider zwar nur Trümmer, aus Kartons, aber eine echte, gereckte Faust.

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