Kultur : Coole Plätze, heiße Kurven

Wo Tokio Hotel unbedingt Einlass begehrten und warum Marzahn ein vernachlässigter Berlinale-Ort ist

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Die ganze Bandbreite des Wortes „Lounge“ offenbarte sich am späten Dienstagabend den Pendlern zwischen Borchardt und 40 Seconds. Hinter dem eigentlichen Restaurant Borchardt befindet sich in diesen Tagen wieder die Phaeton- Lounge, die, von VW-Lifestyle-Managerin Emanuela Wilm diskret gemanagt, Schauspielern und Produzenten, Regisseuren und Moderatoren einen gepflegten Rückzugsort von Trubel und Rampenlicht bietet. Bei Champagner und kleinen Canapés erholt man sich bei gedämpftem Networking auf weißen Hockerlandschaften vom Blitzlichtgewitter Kino-Marathon. Zwar ist die Lounge begehrt, aber das Gäste-Management ist so organisiert, dass garantiert Luft zum Atmen bleibt, ein Wellness-Erlebnis im Party-Dschungel ist also garantiert. Das hat sich bis zu den Jungs von Tokio Hotel rumgesprochen, die am Vorabend Einlass begehrten mit dem Argument, sie hätten gehört, dies sei der coolste Platz der Stadt. Nachdem sie ein Weilchen an der Bar abgehangen haben, fanden sie es vielleicht doch zu erwachsen und zogen weiter in die Clubs. Dabei ist es in dieser Lounge vergleichsweise wirklich angenehm kühl.

Im Club „40 Seconds“ hatte Senator- Film am Dienstag zur Lounge eingeladen, da hatte die Betriebstemperatur schon vor Mitternacht den Siedepunkt erreicht. Es herrschte dichtes Gedränge, man sah die Stars vor lauter Leuten nicht. Luft gab’s vor allem auf der Terrasse und hinter den Glaswänden mit ihrem grandiosen Ausblick auf den Potsdamer Platz. Schauspieler Peter Lohmeyer hatte seinen Sohn mitgebracht, die Filmemacher Benjamin und Dominik Reding erzählten von hoffnungsvollen Projekten, auch Bernd Lange , Drehbuchautor von „Requiem“, berichtet von seinem neuen Film, und Schauspielerin Hannah Herzsprung fasste ihre Hoffnungen für den Rest der Berlinale in einem genial einfachen Satz zusammen: „Dass ich noch möglichst viele Filme zu sehen bekomme.“

Der Retrospektive-Leiter Rainer Rother dagegen hatte an diesem Abend gerade den Verlust eines japanischen Films aus seinem Programm „City girls – Frauenbilder im Stummfilm“ zu beklagen: Wie er auf dem Empfang in der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz berichtete, war die Filmkopie durch eine Computerpanne des Kurierunternehmens nicht rechtzeitig zur geplanten Vorführung eingetroffen und musste verschoben werden. Das tat der Stimmung im vierten Stock des Filmhauses keinen Abbruch, und zu den Damen aus dem letzten Jahrhundert gesellten sich auch die Filmemacher von heute, so zum Beispiel der Produzent Philipp Budweg , der nun schon zum zweiten Mal auf der Berlinale vertreten ist: letztes Jahr mit „Vier Fenster“, dieses Jahr mit dem Kinderfilm „Blöde Mütze“. Viele der jüngeren Leute zogen nach einem Wein und einer Brezel aber noch weiter – für einige ging es hoch hinaus: Im Week-End-Club im zwölften Stock am Alexanderplatz feierte das Team des Wettbewerbsfilms „Irina Palm“ in Anwesenheit der Hauptdarstellerin Marianne Faithfull . So einen Großstadtausblick haben die Filmleute bei ihren Dreharbeiten nicht gehabt, dafür haben sie Leipzig kennengelernt: Dort sind einige Szenen gedreht worden. In Tanzlaune schien an diesem Abend kaum einer zu sein, dafür ballte sich alles in der VIP-Lounge – offenbar vor allem am Gespräch interessiert.

Als Berlinale-Standort bisher sträflich vernachlässigt: der Bezirk Marzahn. Das dachten sich wohl die Mitarbeiter von Red Bull und luden Promis zum Kartfahren ins „Marzahner“ Mobikart-Fun-Racing-Center. Genau genommen liegt die Bahn ja in Hohenschönhausen, also im Bezirk Lichtenberg, aber das machte für das Berlinale-Partyvolk Dienstagabend keinen Unterschied. Neben Schauspieler Daniel Brühl , Moderatorin Sarah Kuttner und Tomte-Sänger Thees Uhlmann war auch Hamburgs Vorzeige-DJ Erobique gekommen. Der wagte sich kurz auf die Kartbahn, entschied sich dann aber fürs Zugucken: „Das Lenken geht ganz schön auf die Finger.“ Und schließlich brauchte er die noch fürs Plattenauflegen auf der Aftershow-Party. MTV-Moderator Markus Kavka war weniger zimperlich, legte im Probedurchgang Bestzeit vor. Und verwies bescheiden auf seinen Gewichtsvorteil: „Bin ja nur 60 Kilo schwer, das ist für den Sport ideal.“ Nur einer war noch leichter und noch schneller: Jungschauspieler Tom Schilling („Egoshooter“, „Elementarteilchen“, 55 Kilo). Gewicht sei das eine, fand Schilling. „Aber vor allem bin ich unmenschlich ehrgeizig.“ Er könne einfach nicht verlieren, auch nicht beim Kartfahren. Sprach’s und fuhr im Finale allen davon. bi/rik/sel

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