• Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt in "Herbstsonate" : Das Zitronenhuhnzerwürfnis

Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt in "Herbstsonate" : Das Zitronenhuhnzerwürfnis

Größer und gröber als auf der Leinwand: Jan Bosse bringt Ingmar Bergmans Mutter-Tochter-Drama „Herbstsonate“ im Deutschen Theater Berlin auf die Bühne. Die Besetzung ist beeindruckend: Corinna Harfouch und Fritzi Haberlandt spielen die Hauptrollen.

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Showdown. Corinna Harfouch (links) als Mutter und Pianistin, Fritzi Haberlandt als Tochter und Pfarrersgattin.
Showdown. Corinna Harfouch (links) als Mutter und Pianistin, Fritzi Haberlandt als Tochter und Pfarrersgattin.Foto: Bettina Stöß

Das ist doch mal eine klare Ansage an die „Herdprämien“-Fraktion! So sehr sie als Kind unter der Dauer-Abwesenheit ihrer Mutter gelitten habe – die kurzen Heimgastspiele, in denen die erfolgreiche Pianistinnen-Mama umso pflichtschuldiger in der Hausfrauen- und Mutter-Rolle zu glänzen versuchte, waren noch viel schlimmer! Düsteren Blickes sitzt Fritzi Haberlandt als Pfarrersfrau Eva an der Bühnenrampe und erinnert sich all der Zahnspangen, Kurzhaarschnitte, Lektüreverpflichtungen und anderweitigen Optimierungsmaßnahmen, mit denen das mütterliche Agilitätsmonster Charlotte ihr früh jedwedes Authentizitätsfitzelchen austrieb. Und wenn man der unverwechselbaren Corinna Harfouch dabei zusieht, wie sie diese egomanische Hochfrequenz-Pianistin aufs töchterliche Pfarrhaus-Szenario pfeffert, glaubt man Eva vorbehaltlos jedes Wort.

Die Folgen sind – Sigmund Freud lässt grüßen – unübersehbar: Hoch geschlossen hockt die ewige Tochter in Jan Bosses Bühnen-Adaption von Ingmar Bergmans Film „Herbstsonate“ am Berliner Deutschen Theater in einem mehrstöckigen Retro-Provinzhaus (Bühne: Moritz Müller). Neben ihrem blutarmen Gatten (Andreas Leupold) schleichen hier auch allerlei Zombies herum, die tatsächlich schon gestorben sind. Evas kleiner Sohn Erik zum Beispiel, der kurz vor seinem vierten Geburtstag beim Spielen ertrank. Auch der Vitalitätsgrad von Evas Schwester Helena (Natalia Belitski), an der das mütterliche Versagen sogar eine schwere Artikulationsstörungs- und Muskelverkrampfungskrankheit angerichtet haben soll, bleibt bei Bosse im Dunkeln. Wie eine alte Sofapuppe irrlichtert Helena als stummer Vorwurf im Rokokokleid (Kostüme: Kathrin Plath) durchs Szenario.

Klar: Sie abendfüllend ins Pflegebett zu legen, wie Bergman es in der Filmvorlage tut, wäre ja auch ein verdammt untheatraler Vorgang. Womit wir beim zentralen Problem dieser Koproduktion des DT mit dem Schauspiel Stuttgart wären, die einen Monat vor der Berlin-Premiere bereits im Schwäbischen herauskam: Das mütterlich-töchterliche Generalabrechnungsfilmdrama aus dem Jahr 1978 lebt von den Gesichtern Ingrid Bergmans und Liv Ullmanns in Nahaufnahme. Von zuckenden Mundwinkeln, physisch sich übertragender Aggressionskanalisation und minimalistischem Gesichtsmuskelbeben.

Auf Theaterformat vergrößert – mithin um hochdramatische Treppenstürze, expressive Wutausbrüche und symbolschwangere Verschlingungen in einen fallstrickartigen Schal ergänzt, den die stumme Helena gern aus den oberen Pfarrhausetagen niederbaumeln lässt –, wirkt das schnell mal eher komisch.

Zudem scheint Bosse durchaus Zweifel am Bergman’schen Frauenbild zu hegen. Die bitterernste Monokausalität, mit der Eva ihre Mutter für ihr verpfuschtes Leben verantwortlich macht, ist ihm augenscheinlich suspekt. So wenig man das dem wachen Regie-Zeitgenossen verdenken kann: Seinem Bühnen-Resultat aus Tragödie, Komödie und punktueller Horrorfilmparodie droht gelegentlich die Banalisierungsfalle.

Bloß gut also, dass es die Schauspiel-Koryphäen Harfouch und Haberlandt sind, die sich hier über dem mittäglichen Zitronenhühnchen entzweien, an Treppenstufen emporhangeln und auch mal kollektiv dem Pfarrersgatten hinterherkichern! Harfouch stattet die Künstlerin Charlotte sowohl mit mehr Witz und Esprit als auch mit deutlich offensiveren misanthropischen Konturen aus als Bergman im Film. Und Fritzi Haberlandt ist als Eva zwar ein veritabler Tochter-Schussel, aber letztlich nicht nur zu selbstbewusst, sondern schlichtweg auch zu generös, um ihre Mutter lebenslänglich anzuklagen. Wussten wir doch gleich, dass die „Herdprämie“ hier keine Chance hat!

wieder am 24. Januar sowie 2. und 3. Februar, 19.30 Uhr

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