Cornelia Schleime Retrospektive : Bestiarium der Fantasie

Cornelia Schleime passte sich mit ihrer Kunst nie an - weder im Osten noch im Westen. Eine Retrospektive in der Berlinischen Galerie zeigt ihre Lust am Widerstand und der Malerei.

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Zwischen Tag und Traum. Das Gemälde „Ein Wimpernschlag“ (2016) von Cornelia Schleime.
Zwischen Tag und Traum. Das Gemälde „Ein Wimpernschlag“ (2016) von Cornelia Schleime.Foto: Bernd Borchardt

Hundert Millisekunden dauert ein Wimpernschlag. Doch was heißt das schon bei einem Gemälde, das für eine halbe Ewigkeit gemalt ist. Ein Wimpernschlag kann Traum und Wirklichkeit voneinander trennen. In diesem Zwischenzustand befindet sich auch die junge Frau mit offenen Augen und zugleich entrücktem Blick auf Cornelia Schleimes Bild, das den Titel „Wimpernschlag“ trägt. Im weißen Kleid steht sie an einem Fenster, an dem Schwalben vorüberziehen. Ein surrealer Moment: Die Vögel befinden sich zugleich draußen und drinnen, die Zeit setzt aus.

„Ein Wimpernschlag“ hat Cornelia Schleime auch ihre Retrospektive in der Berlinischen Galerie anlässlich der Verleihung des Hannah-Höch-Preises des Landes Berlin genannt. Eine kleine Volte angesichts der langen Zeit, auf die sie in ihrem Schaffen zurückblicken kann. Das jüngste ausgestellte Werk stammt von 1981, ein Jahr nachdem sie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden ihr Malereistudium abgeschlossen hatte und sogleich Ausstellungsverbot erhielt.

Die renitente junge Frau – zugleich Performerin, Mitbegründerin einer Punkband und damit der Obrigkeit ein Dorn im Auge – zog daraus die Konsequenz und benutzte fortan ihren Körper als Ausdrucksmittel. „Der ist jetzt meine Tür nach Außen“, schrieb sie 1982. Wie eingesperrt sie sich auch darin gefühlt haben muss, demonstrieren die Fotos von Einschnürungen Anfang der 80er Jahre. Mal ist der gesamte Kopf mit Silberband umwickelt, mal Paketschnur die einzige Hülle ihres schutzlos nackten Körpers.

Schleime musste im Westen neu beginnen

Unter welchem Druck die Künstlerin damals stand, verraten auch die Protokolle der Stasi, die Cornelia Schleime zehn Jahre später zur Einsicht bekam. Gegen den Wahnsinn der totalen Überwachung und die bittere Erkenntnis, dass einer ihrer besten Freunde, der Prenzlauer-Berg-Poet Sascha Anderson, sie ebenfalls bespitzelt hatte, reagiert sie wieder mit den Mitteln der Kunst. Die humorvoll-bittere Serie „Bis auf weitere Zusammenarbeit“ zeigt Kopien ihrer Stasi-Protokolle mit inszenierten Fotografien. Der säuberlich getippten Einschätzung des Beamten, dass sie „die Anpassung an die sozialistische Gesellschaft völlig ablehnt“, konterkariert eine Aufnahme der Künstlerin im Hausfrauenkittel mit Kopftuch vor einem Honecker-Porträt.

Diesem Idealbild einer DDR-Bürgerin würde die Künstlerin nie entsprechen, das wussten beide Seiten. Nach vier Ausreiseanträgen wurde sie schließlich in den Westen entlassen – mit nicht viel mehr als einem Federbett für das Kind und einem Koffer mit zehn aufgerollten Leinwänden. Die in der Ost-Berliner Wohnung zurückgelassenen Werke verschwanden kurz darauf, nur da und dort tauchen heute Bilder und Negative wieder auf. Cornelia Schleime muss auch als Künstlerin von vorn beginnen und besinnt sich wieder auf die Malerei.

Erneut steht die Künstlerin allein da. Um sie herum haben Mitte der 80er Jahre Theorie, Minimal und conceptual art Konjunktur. Cornelia Schleime aber arbeitet figurativ, ihre somnambule Malerei ist keiner Schule zuzuordnen. Die Retrospektive „Ein Wimpernschlag“ führt eine ungeheuer starke, selbstbewusste Malerin vor, deren Bilder die riesige Haupthalle der Berlinischen Galerie mit Leichtigkeit bezwingen. Schleimes Großformate besitzen eine suggestive Macht, der man sich nur schwer entziehen kann. Häufig nehmen die Protagonisten der Gemälde Blickkontakt mit dem Betrachter auf wie jene „Argonautin“, die im merkwürdigen schwarz-weißen Taucheranzug über ihre rechte Schulter schaut. Oder die „Eisvögelin“, aus deren plissiertem Kragen sich der titelgebende Vogel löst und davon fliegt. Meist sind Frauen dargestellt, die in ihrer eigenen, versponnenen Welt leben und für die da draußen nur einen schläfrigen Blick übrig haben, der jedoch bannend wirkt.

Überwindung durch Malerei

Cornelia Schleime ist es ungebrochen eine Lust zu malen, das zeigen die delikaten Oberflächen, der Zusammenprall der Farben, das experimentelle Zusammenspiel von Acryl, Asphaltlack und Schellack auf der Leinwand, die mit Lösungsmitteln versetzt ihre eigene Dynamik entwickeln. In bester surrealistischer Manier lässt sich die Künstlerin insbesondere bei ihren Papierarbeiten vom Zufall inspirieren. Anders als bei ihren ungeheuer kompakten, dichten Gemälden, an denen die Künstlerin manchmal über Wochen und Monate arbeitet, ergibt sich die Komposition, das dargestellte Motiv auf Papier häufig unverhofft durch eine sich ausbreitende Aquarelllache, die ihren Weg selbstständig suchende Spur der Farbe.

Cornelia Schleimes Bestiarium wirkt wie aus widrigen Zufällen der Natur geboren, Hybride der Fantasie. In der Reihe „Mutation“ stülpt sich über den Kopf einer Frau das Haupt eines Löwen, den drei Köpfen unter ihr entwachsen Seerosenblätter, eine beängstigende Vision. Die Künstlerin hat einen Weg gefunden, die Geister der Vergangenheit zu bannen, indem sie ihrer überbordenden Vorstellungskraft freien Lauf lässt. Bei genauerer Betrachtung aber ist zu erkennen, dass den vornehmlich jungen Frauen nie wirklich etwas passiert, so gefährlich sich ihre endlos langen Zöpfe auch um den eigenen Hals schlingen. Sie sind das Symbol für die Unfreiheit, die Cornelia Schleime lange erlebte.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, bis 24. April; Mi bis Mo 10 – 18 Uhr

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