Kultur : Corps der Kürbisse

Katrin Wittneven

Wie eine Armee stehen sie da. Kraftvoll, aber auch ein wenig abgerissen. Ein Bataillon von Obdachlosen vielleicht, das vorhat, im geeigneten Moment den Reichstag zu entern. Oder Außerirdische, die sich formieren, um in aller Freundschaft die Weltherrschaft zu übernehmen. Der Künstler Tal R nennt die Ausstellung seiner gegossenen Skulpturen in der Galerie Contemporary Fine Arts (Sophienstraße 21, bis 3. Juni) schlicht „Fruits“ (Früchte). Denn es war ein Gemüse, das für Tal R vor zwei Jahren den Anlass gab, sein ansonsten vor allem malerisches Werk in die dritte Dimension zu erweitern. Der 1967 in Israel geborene und in Kopenhagen und Berlin lebende Künstler hielt sich gerade in Schottland auf, als er einen Kürbis bei einem Gemüsehändler entdeckte, ihn mit ins Hotel nahm, weiterbearbeitete und später in Aluminium goss, damit er nicht verrottete. Seither experimentiert er mit so unterschiedlichen gefundenen Materialien wie Turnschuhen, Gitarren und Tannenzapfen. Wie ein Formensucher setzt er sie zu grotesken Figuren zusammen und lässt sie anschließend in Bronze gießen. Ihre weiß-graue und silberne Farbigkeit hebt die ursprüngliche Materialität auf, so als wären die Skulpturen aus der Jetztzeit gefallen. Gleichzeitig verweisen die abstrakten Formen schon einmal leichtfüßig auf die Kunstgeschichte, wenn sich ein Kürbisturm wie Brancusis Endlossäule in die Höhe streckt. Jede Skulptur für sich vermag in ihrem ganz persönlichen Charakter überzeugen – zusammen sind sie unschlagbar (Preise zwischen 10 000 und 75 000 Euro).

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„Trafic“ heißt die erste Ausstellung bei Schürmann Berlin , die heute eröffnet (Weydinger Straße 10, bis 24. Juni) . Die Kunstsammler Wilhelm und Gaby Schürmann haben für zwei Jahre die ehemaligen Räume der Galerie Johann König gemietet und werden hier vier bis sechs Ausstellungen im Jahr einrichten. Zum Auftakt geht es – wie immer bei Schürmann augenzwinkernd – rund um den Verkehr: mit Fotos eines auf der Seite liegenden Renault Dauphine-Four von Christopher Williams und einem Verkehrshütchen von Johannes Wohnseifer . Ein Ölkännchen von Stephanie Taylor gehört ebenfalls dazu – steht aber noch einen Galerieraum weiter: Schürmann hat es just in der aktuellen Ausstellung der Künstlerin in der Galerie Nagel erworben, belässt es aber während der Ausstellungsdauer in den benachbarten Galerieräumen. Als eine Art Verkehrsinsel in der Galerie Nagel.

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