Kultur : Cosa Nostra

In der Galerie Kampl übernehmen Kritiker Patenschaften für Künstler

Peter Herbstreuth

Das Projekt „Art Cubicle“ ist einzigartig, und das ist selten im Kunstbetrieb. Der Münchner Galerist Mathias Kampl, der seit 1999 in seiner Berliner Dépendance in der Auguststraße verschiedene Ausstellungsreihen organisierte, zeigt bis ins Jahr 2005 im Rhythmus von zwei Wochen Papier- und Videoarbeiten, die in einem Behälter, dem „Art Cubicle“, auch von Messe zu Messe reisen werden. Im Herbst wird das Projekt für einige Zeit in Leipzig Station machen, andere Städte sollen folgen.

Für die Berliner Auswahl zeichnen ein Dutzend Gastkuratoren verantwortlich. Institutsleiter wie Christoph Tannert, Leonie Baumann und Jörk Starke, Kritikerinnen wie Eva Karcher und Brigitte Werneburg, Allrounder wie Peter Funken und Ute Tischler haben sogenannte Patenschaften übernommen, um die Künstler nach Kräften zu unterstützen. Das lockere Bündnis zwischen Galerist und Künstler nimmt die Kuratoren so nicht als Geschäftspartner, sondern als Wahlverwandte in die Pflicht. Wie bei der Cosa Nostra geht es um ein Schutz und Trutzverhältnis – falls „Patenschaft“ nicht als hohle Werbefloskel reizen, sondern ihren ehrenwerten Sinn erfüllen soll.

In der Ausstellung beherrscht ein speziell gefertigter Grafikschrank den Schauraum. Die Werke vergangener und kommender Präsentationen sind hier präsent. An den Wänden hängen die aktuellen Arbeiten. Eine kleine Bibliothek verschafft schnellen Überblick. Die Galerie nimmt den Charakter der guten alten Kunsthandlung an, für die der Bestand alles und die Aktualität nur sekundär ist. Auf diese Weise sind alle Bedingungen gegeben, um den ausgewählten Künstlern ein ideales Sprungbrett zu bieten. Andreas Schimansky zeigte bereits grandiose Fotoarbeiten einer Achterbahn, Angelika Middendorf einen informativen Trailer ihrer Videos. Der bislang unterschätzte Maler Frank Coldewey wird einen Auftritt haben wie der Fotograf Nuno Cera. Fast alle Künstler sind ohne feste Galerieanbindung. Das macht die Werkschauen auch für andere Galeristen interessant. Und falls die Paten und der Galerist durchhalten, wird die Nachwuchs-Recherche weit über hundert Künstler ins Licht der Kunstwelt rücken. Zu viele, um durch Werke (ab 900 Euro) Profil zu gewinnen; doch genug, um einige Künstler für andere Zusammenhänge sichtbar werden zu lassen.

Galerie Mathias Kampl, Auguststraße 35; bis 2005; Mittwoch bis Freitag 15–20 Uhr, Sonnabend 12–20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben