Country : Gunter Gabriel: Der Wildwestfale

Authentisch, sympathisch, echt: Gunter Gabriel gibt Johnny Cash im Berliner Renaissance-Theater - mit tiefer Stimme und deutschem Zungenschlag.

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Irgendwie Country. Gunter Gabriel gibt Johnny Cash.
Irgendwie Country. Gunter Gabriel gibt Johnny Cash.Foto: Joachim Fieguth

Der Mann in Schwarz begrüßt das Publikum, spielt „I walk the line“, die Gitarre hängt, bei genauerem Hinsehen, nicht ganz so entspannt vor dem Leib wie beim Original, hier scheint rumpfoberhalb ein bisschen was im Weg zu sein, auch die Aussprache klingt nach Waschbeckenenglisch. But who cares.

Dass Gunter Gabriel, Schlagercountryheld der Spätsiebziger, ein Cash-Fan ist, ein „Sohn aus dem Volk“ (so heißt sein letztes Album), das glaubt man unbesehen. Das tiefe Timbre, dazu noch Gabriels von 1974 stammende Adaption von Cashs „Wanted Man“ („Ich werd’ gesucht in Bremerhaven“), seine wechselhafte Karriere zwischen Megaerfolgen und alkoholbestimmten Abstürzen – das alles passt wie die Faust aufs Auge. Wie Cash auf Carter, um beim Thema zu bleiben. In Volker Kühns Theaterstück, vom gemütlichen Berliner Countryvolk im Renaissance-Theater beklatscht, sollte es um das Leben des authentischsten aller ehrlichen Countrystars gehen: Johnny Cash, gegen den man einfach nichts haben kann, weil er sein ganzes Leben lang fast ausschließlich wahnwitzig gute Songs geschrieben hat. Und daneben durch seine öffentliche Liebe zu June Carter auch noch als tiefemotionaler Mensch gespeichert ist. Ein Sympath eben. Mehr Country geht nicht.

Gabriel, dessen Schlagerjünger sich bei der ausverkauften Premiere mit den Cash-Fans die Waage halten, ist sympathisch als Johnny Cash. Er macht, was er kann. Doch ist das auf einer Theaterbühne leider nicht wirklich viel: Gabriel singt die Cash-Preziosen runter, so gut es geht: „Ring of Fire“, „Folsom Prison Blues“, „Get Rhythm“, „Man in Black“ – mit tiefer Stimme und deutschem Zungenschlag. Zwischendurch spricht er in westfälisch-nordischem Singsang ein paar Sätze, die Cashs Leben erklären sollen, erzählt von der Kindheit als Baumwollpflücker, von der ersten Aufnahme bei Sun Records und dann von June Carter. Die wird von Helen Schneider gespielt, die in den letzten Jahren vor allem als Musicaldarstellerin erfolgreich war. Altersmäßig – Gabriel ist 68, Schneider 58 – passt sie zwar ganz gut zum zerknitterten Westfalen-Cowboy, aber sie hält, alte Musicalkrankheit, keinen Ton länger als zwei Sekunden aus, ohne in das bühnentypisch künstliche Tremolo zu verfallen. Weniger Country geht nicht.

Zwischen Gabriel und Schneider knistert es kein bisschen (jenes Knistern zwischen Cash und Carter war stets einer der Gründe für ihre überzeugenden Gigs), auch fehlt einfach das, was diesen Liederabend zu einem Theaterabend erheben sollte: die Geschichte. „Hello I’m Johnny Cash“ bleibt bei aller Liebe und Begeisterung auf dem Niveau eines bemühten und engagierten Coverkonzerts mit Schlagerappeal, mit ein paar eingestreuten Informationen und Hintergrunddias. Keiner der wenigen Dialogsätze Gabriels, die er vom Bühnenboden-Spickzettel abliest, bleibt wirklich im Kopf. Leider. Doch weder Gabriel noch der schlichtweg fehlbesetzten Schneider möchte man dafür böse sein. Irgendwie Country eben.

Bis 2. September sowie 6. bis 21. September, Mo–Sa 20 Uhr, So 18 Uhr.

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