Kultur : Country Halleluja

Bodo Mrozek

Es war ein Schock. Mit Schrecken denken wir an den Grand Prix zurück, das gute alte Festival der seichten Fernsehmuse. Bilder des Grauens flimmerten da über die Schirme. Deutschland weit abgeschlagen, der Sieg ging an die hässlichste Grand-Prix-Band aller Zeiten. Inzwischen haben wir uns erholt, und die wichtigsten Fragen sind auch geklärt. Tomi Putaansuu, ganzkörpertätowierter Sänger der finnischen Hardrock-Kapelle Lordi, hat der „Bild“-Zeitung gestanden, er stehe auf „Foltersex“ und sei ein Freund der Institution Ehe. Alles halb so wild also. Nun zu den wichtigen Fragen.

Wie konnten die Deutschen auf die Idee kommen, ausgerechnet mit amerikanischer Volksmusik in Europa punkten zu wollen? Mit einer Band, die sich nach dem Heimatstaat des weltweit unbeliebtesten Amerikaners „Texas Lighting“ nennt? Hätte man die Westbindung nicht besser auf dem Deutsch-Amerikanischen Volksfest demonstriert?

Seit dem Debakel von Athen ist Deutschland gespalten. Das Berliner Wochenende spiegelt diese Spaltung idealtypisch wider. So wird das Siegerstück „Hard Rock Hallelujah“ heute sicher bei der Rock AG in der Alten Kantine der Kulturbrauerei erklingen. Und in Paules Metal Eck (Krossener Str. 15) haben die Berliner Fans des finnischen Zombierocks ohnehin ihr Hauptquartier. Wo aber erholt sich der musikalische Deutsch-Texaner von der Niederlage? Überraschenderweise spielen gleich drei junge Country-Bands: Im White Trash treten am Samstag die Cowboys On Dope auf (Schönhauser Allee 6), im nbi (Schönhauser Allee 36) spielen zeitgleich D. Cooper & The Pigbirds und im Kato (Schlesisches Tor) jodeln heute Smokestack Lightnin . Es sieht so aus, als wäre amerikanische Folklore im Berliner Nachtleben nicht nur längst angekommen, sondern den etablierten Musikrichtungen wie Schlager oder Hardrock sogar voraus. Sehen wir es also so: Deutschland war am letzten Wochenende auf der Höhe von Berlin. Europa ist einfach noch nicht so weit.

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