Courtney Love : Die kopflose Königin

Verzweifeltes Comeback: Courtney Love reanimiert ihre Rockband Hole. Love verkündet, topfit zu sein - und endlich clean.

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Für immer Lolita. Courtney Love nach diversen Schönheitsoperationen.
Für immer Lolita. Courtney Love nach diversen Schönheitsoperationen.Foto: Universal

Marie Antoinette hat ihren Kopf verloren. Dabei steht ihr Schafotttermin noch lange nicht an. Es ist das Jahr 1783. Ihr Dekolleté erstrahlt in edler Blässe, ihre grazilen Hände halten eine voll erblühte Rose. Nur von ihrer Haarpracht und ihrem Federhut ist nichts zu sehen auf dem Cover des neuen Hole-Albums „Nobody’s Daughter“. Denn das dafür verwendete Porträt der Rokokomalerin Elisabeth Vigée-Lebrun wurde über der königlichen Perlenkette abgeschnitten. Ein weiteres Dekolleté ist auf der Rückseite der CD abgebildet, und „The Execution of Lady Jane Grey“ ziert das Innere des Booklets.

Die Versuchung liegt nahe, die Zeichenkette, die dieses Artwork aufspannt, als Kritik an der medialen Repräsentation von Frauenkörpern zu lesen, als Protest gegen deren Zerstückelung und Reduktion auf sexuelle Anziehungskraft. Schaut man sich jedoch an, für wen diese Bildfolge inszeniert wurde, erscheint jegliche feministische Interpretation geradezu lächerlich: Courtney Love, Kopf der Band Hole, hat ihren Körper in den letzten Jahren durch Schönheitsoperationen und Magersucht in eine groteskes Weiblichkeitsideal verwandelt. Mit ihren aufgespritzten Lippen, dem schmalen Gesicht und den dürren Gliedmaßen sieht die 45-Jährige wie eine verhuschte Schwester von Britney Spears aus.

Die einstige Trashqueen, die aus vollem Hals über wilde, verzweifelte Mädchen sang, ist im wahrsten Sinne des Wortes nicht wiederzuerkennen. Und vieles, wofür sie einmal zu stehen schien, wirkt im Rückblick wie ein Missverständnis. Dass in ihr eine Rebellin und ein Rollenvorbild für unangepasste Frauen im Rock gesehen wurde, wird im Angesicht ihrer Mutationen höchst zweifelhaft. Courtney Love kanalisierte wohl vor allem ihren alles überstrahlenden Wunsch, ein Star zu sein, in das während der neunziger Jahre angesagte Image der gefährlichen Underground-Braut, aufbauend auf den Stilfundamenten von Punk und Post-Punk. Dezidiert politisch wie die meisten Bands der Riot-Grrrl-Bewegung war Courtney Loves 1989 in Los Angeles gegründete Gruppe Hole tatsächlich nie. Der ruppige Sound ihrer ersten beiden Alben passte aber gut in die Zeit.

Völlig auseinandergefallen ist das Konzept Courtney Love in den nuller Jahren, in denen sie mit einer endlosen Serie von Skandalauftritten, Drogeneskapaden, Sorgerechtsstreitigkeiten und Finanzkatastrophen von sich reden machte. Die Sängerin sank zum B-Promi herab, wurde zur „lebenden Klatschskulptur“ („Die Zeit“). Ihre Leistungen als Musikerin und Schauspielerin verblassten. Nur die Rolle als böse Witwe von Kurt Cobain füllte sie immer noch passabel aus. Sie verlor einen Teil der Asche des Nirvana-Frontmannes, sie zankte sich mit den verbliebenen zwei Mitgliedern seiner Band über Best-of-Alben. Und sie verkaufte aus Geldnot Reliquien und Songrechte der Grungeheroen, um die Millionen dann auf mysteriöse Weise wieder zu verlieren – das FBI ermittelt.

Mit dem Comebackalbum „Nobody’s Daughter“ versucht Courtney Love jetzt wieder Kontrolle über ihr Leben zu gewinnen. Sie verkündet, endlich clean zu sein und sich topfit zu fühlen – genau wie vor sechs Jahren, als sie ihr erstes Soloalbum „America’s Sweetheart“ präsentierte. Spätestens bei einem derangierten Auftritt in David Lettermans Talkshow wurde jedoch klar, wie weit sie von einem stabilen Leben entfernt war. Das Album, das zu Recht heute völlig vergessen ist, landete auf Platz 53 der BillboardCharts und Courtney Love in der Entzugsklinik. Dort besuchte sie Ex-4-Non-Blondes-Sängerin Linda Perry und schenkte ihr eine Akustikgitarre. Perry, die inzwischen als Produzentin und Songschreiberin für Stars wie Pink, Christina Aguilera und Alicia Keys arbeitet, hatte auch an „America’s Sweetheart“ mitgewirkt, war aber unzufrieden mit dem Werk. Sie wollte Love helfen, ein besseres Album zu produzieren.

In der Klinik begann Courtney Love, mit ihrer geschenkten Gitarre und einem Kassettenrekorder an neuen Songs zu arbeiten. In den fünf Jahren, die seither vergingen, kam auch noch Billy Corgan (Smashing Pumpkins) mit an Bord. Er schrieb an vier, Linda Perry an fünf der elf Stücke auf „Nobody’s Daughter“ mit. Der dritte Co-Songwriter ist der Brite Micko Larkin, früher bei Larrikin Love. Er darf sich jetzt Hole-Gitarrist nennen, denn Courtney Love beschloss, ihre alte Band wiederzubeleben – allerdings in neuer Besetzung. Das verärgerte den Hole-Mitgründer und Gitarristen Eric Erlandson, der ihr das Recht absprach, den Namen Hole zu benutzen. Love giftete zurück: „Der Name gehört mir! “

Die neue Hole-Besetzung klingt wie eine mittelmäßig motivierte Mietmusikerschar. Die Langeweile, mit der sie die unspektakulären Songs herunterrocken, dröhnt geradezu aus den Boxen. Die Platte wirkt wie ein Relikt aus den Neunzigern. Sie mischt Midtempo-Rockschmuh mit Powerballaden und punkigen Stücken wie der ersten Single „Skinny Little Bitch“. Diese beruht auf einem Riff, das so abgegriffen ist wie der Motorradhandschuh eines Hells-Angels- Mitglieds. Auch sonst hat man das Gefühl, den Song schon in mindestens fünf anderen Versionen zu kennen.

Er ist genauso belanglos wie die zweite Auskoppelung „Samantha“, die offenbar nur als Vehikel für die Mitgrölzeile „People like you fuck people like me“ geschrieben wurde. Die Texte stören nicht weiter. Nur beim pathetischen „Letter to God“ wünscht man sich Wachs in die Ohren, wenn Courtney Love um göttlichen Beistand bettelt. Stimmlich schlägt sie sich relativ wacker, in „How Dirty Girls Get Clean“ wirkt ihre krächzige Verzweiflung tatsächlich für Momente berührend. Dennoch ist „Nobody’s Daughter“ am Ende nicht mehr als das Resozialisierungsprojekt einer Rockzirkus-Überlebenden.

„Nobody’s Daughter“ erscheint bei Universal. Hole treten am 14. Mai im Berliner Huxleys Neue Welt auf.

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