Cousin Thilo : Namensvetter Sarrazin

Unsere Autorin Rose-Anne Clermont wundert sich über einen entfernten Verwandten. Ihre Eltern stammen aus Haiti und der Mädchenname ihrer Mutter ist Sarrazin - wahrscheinlich der Name eines hugenottischen Sklavenhalters.

Rose-Anne Clermont
Sarrazins gibt es auch in Haiti.
Sarrazins gibt es auch in Haiti.Foto: dpa

Als meine Mutter mich jetzt in Berlin besuchte, war sie irritiert. Ständig wurde sie an ihre Kindheit erinnert: In Schlagzeilen, auf Zeitschriften, im Fernsehen und in den Schaufenstern der Buchläden las sie ihren Mädchennamen. Geboren vor 70 Jahren in Port-au-Prince, hieß meine Mutter Sarrazin.

Wie die meisten Namen in Haiti ist der Name meiner Familie mütterlicherseits französisch, weil Frankreich das westliche Drittel der Insel Hispaniola bis Ende des 18. Jahrhunderts kolonisierte. Die Hugenotten – also die Vorfahren meines Namensvetters Thilo – waren im 17. Jahrhundert die ersten französischen Siedler in Haiti und betrieben sehr erfolgreich Zuckerrohrplantagen, auf denen afrikanische Sklaven schufteten. Der Name Sarrazin – mit dem übrigens häufig die muslimischen Einwanderer im Mittelmeerraum bezeichnet werden – ist also höchstwahrscheinlich der Name eines hugenottischen Sklavenhalters meiner haitianischen Urverwandten.

Die Mitglieder meiner Familie mütterlicherseits sind hell- bis dunkelbraun, die Haare sind bei manchen leicht gelockt, bei anderen sehr afromäßig. Man sieht also, dass unsere Familie sich mit anderen Ethnien gemischt hat. Das ist normal in der Karibik, und es ist auch bekannt, dass Sklavenhalter ihre Sklavinnen vergewaltigten – in einigen Fällen war vielleicht sogar Liebe zwischen Schwarzen und Weißen im Spiel. Wie überall in der Karibik sieht man deshalb auch bei der haitianischen Bevölkerung sämtliche Abstufungen von Brauntönen. Auch wenn niemand auf die Idee käme, es so zu nennen: Multikulti ist in der Karibik „old news“.

Mittlerweile ist es auch in Berlin völlig normal geworden, gemischte Kinder zu sehen: Afroamerikaner, Afrikaner, Kubaner, Inder, Chinesen, Brasilianer und sogar Türken haben Kinder mit Thilos Deutschen gezeugt, und überall sind blonde Afros zu sehen. Die Integrationsdebatte in Deutschland hat sich so polarisiert, dass Multikulti zu einem Synonym für „Türken in Deutschland“ geworden ist. Doch Multikulti betrifft auch Leute wie mich und Kinder wie meine: einerseits ein Teil der alten deutschen Kultur und andererseits das neue Gesicht Deutschlands.

Bestimmt meint mein Cousin Thilo nicht uns, wenn er das Ende Deutschlands befürchtet. Fest steht jedoch, eine Leitkultur in Deutschland zu erhalten ist eine mission impossible. Wenn Menschen nebeneinander leben, kommen sie sich zwangsläufig näher. Auch vor mehr als hundert Jahren, als Deutsche in Haitis Häfen Handel trieben, war es nicht zu vermeiden, dass Deutsche und Haitianer sich liebten. Damals kamen Kinder mit Namen wie Fritz und Hans in Port-au-Prince zur Welt. Menschen finden unter den seltsamsten und gefährlichsten Umständen zusammen. Es ist menschlich und sogar sehr deutsch, zu wandern. Deutschland wird sich nicht abschaffen, sondern neu erschaffen.

Rose-Anne Clermont wurde 1971 als Tochter haitianischer Einwanderer in New York geboren. Sie kam nach dem Journalismus-Studium an der Columbia University 1998 als Fulbright Fellow nach Berlin, wo die Autorin mit ihrer Familie heute lebt. Bei Bertelsmann erschien jetzt ihr Buch „Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet“.

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