Kultur : Cowboys im Konjunktiv: Raumsimulationen von Kai Schiemenz

Knut Ebeling

Es kommt in der Beziehung eines Galeristen zu seinem Künstler nicht gerade häufig vor, dass er Vermutungen über dessen Arbeit äußert. Der Konjunktiv ist bei tatkräftigen Händlern nicht unbedingt ein gerngesehener Gast. Im Falle von Kai Schiemenz ist er unvermeidlich. Die schwebenden Zeichnungen und Räume des jungen Berliner Künstlers sind - entlang von Technoboom und Popkultur - von einer ephemeren Labilität und Fragwürdigkeit gekennzeichnet, an der jeder Deutungsversuch abperlt wie ein Tropfen auf einem Bildschirm. Die merkwürdige Verbindung aus Comic und Illustration, Konstruktionsentwurf und Raumsimulation lässt jede Zeichnung von Schiemenz in milder Verstörtheit enden. Alle seiner Arbeiten wirken wie Illustrationen zu keiner Geschichte. Während die frühen Zeichnungen vorwiegend junge Menschen mit leerlaufenden Sprechblasen zwischen Auftrag und Absturz zeigten, wendet sich Schiemenz in jüngerer Zeit den Räumen zu, in denen sie sich treffen: Dem Ausstellungsraum beispielsweise, Clubs, aber auch Räumen der Erinnerung. Alle diese Räume verbindet ihr virtueller Charakter; sie wirken auf den ersten Blick kindlich und imaginär, sind aber zugleich durchzogen von einer stringenten Virtualität. Es scheint nicht möglich - und auch nicht mehr wichtig - zu unterscheiden, ob sie realer oder fiktionaler Natur sind. Wie der Begriff des Imaginären bei Lacan scheinen die Räume von Schiemenz dieser Unterscheidung vorauszulaufen.

Die Präsentation in der Galerie Koch und Kesslau ist die erste Einzelausstellung des jungen Berliner Künstlers nach Gruppenausstellungen in den Kunst-Werken und in der Schlegelstraße. Nachdem Schiemenz noch der Gasag-Kunstpreis 1999 zuerkannt wurde, bietet diese Ausstellung die beste Gelegenheit, sich der Präsenz Berliner Newcomer zu vergewissern: Allein dieser Prüfung entzieht sich Schiemenz ebenso wie sich sein ganzes junges Werk entzieht. Bei Koch und Kesslau schalt Schiemenz den gesamten Galerieraum von innen durch Stellwände aus - selbst dort, wo sich hinter der Stellwand wieder nur eine Wand verbirgt und der Eingriff sich selbst ad absurdum führt. Zu dieser situationistischen Praxis mag es passen, dass Schiemenz die gegenüberliegende Stellwand, die den Blick auf die blühende Kastanie im Hof verstellt, ihrerseits mit einem querformatigen Sichtschlitz versieht. Erst mit den älteren Raumzeichnungen im Gedächtnis gewinnt die verstörende Intervention in die Architektur des Ausstellungsraumes ihre Deutbarkeit zurück: Betrachtet man den Raum auf der Folie der traumartigen Raumsimulationen, erscheint die Arbeit bei Koch und Kesslau als Übersetzung einer noktambulen Traumsequenz in die Realität; Wirkliches und Imaginäres werden ineinander verschränkt. Als letzter Agent des Realen bleibt das Medium, das es hervorbringt: der Bildschirm, der die Traumarbeit verrichtet.

Die Weite der weißen Wand

Schiemenz produziert Kunst, die - weniger dem Aussehen, als ihrer Herstellungsmodalität nach - sich in dem Zustand der elektronischen Medien befindet. Mit diesen Arbeiten gelangt die Zeichnung auf die Ebene ihrer technischen Produktionsmittel. Auf seine überflüssigen Stellwände malt Schiemenz schließlich ein, ebenso am Computer erstelltes, Gatter, hinter dem sich nichts befindet. Es könnte eine Landschaft dahinter sein. Oder auch nichts. Während der von innen abgezäunte white cube den Ausblick freigibt auf die Weiten der weißen Wand, denkt man entfernt an den hübschen Schriftzug der Einladungskarte, auf dem nichts zu lesen stand als "Cowboys" und lauscht leise eingespieltem Galoppgeräusch, das sich anhört wie ein Technoclub von außen. Man kann das als Parodie der internen Beschränkung des autonomen Tafelbildes innerhalb des white cube verstehen. Oder auch nicht. Es ist wie immer bei Schiemenz: Die Fülle von Verweisen führt in die Wüste. Nur wer durchkommt, darf sich einen Cowboy nennen.Galerie Koch und Kesslau, Weinbergsweg 3, bis 13. Mai; Donnerstag bis Sonnabend 16-20 Uhr

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