Kultur : Crashtest-Dummy

Ich bin viele: In ihren Inszenierungen zeichnet Mathilde ter Heijne Rollenbilder nach

Daniel Völzke

An jenem Herbstabend, an dem Mathilde ter Heijne ein magisches Ritual durchführte, war es milde und der Vollmond schien. Der 7. November 2006 werde vielleicht in die Geschichte eingehen, hieß es in den Abendnachrichten: Die US-Wahlen zum Repräsentantenhaus kippten die Machtverhältnisse zu Ungunsten George W. Bushs und damit auch die Weltsicherheitslage. Die in Berlin lebende niederländische Künstlerin ter Heijne stellte schwarze Spiegel auf, die das Mondlicht absorbierten. Währenddessen brannte sie Tonfiguren, die archäologischen Funden nachgeformt waren. Artefakte einer europäischen Vorgeschichte, die an eine andere Welt erinnern, als Frauen noch herrschten: Schlangen, weibliche Torsi mit Phallusköpfen, eine Schweinemaske für rituelle Tänze.

In der Galerie Arndt & Partner hat ter Heijne mit der Ausstellung „No Depression in Heaven“ eine okkulte wie spielerische Kabinettausstellung eingerichtet (Preise auf Anfrage). Die nachgebildeten Tonfiguren und -gefäße liegen in Boxen, auf deren Deckeln die mit Mondlicht aufgeladenen Spiegel kleben. Begrüßt wird der Besucher von einer lebensechten Bronzestatue, die in einen Netzbody aus dem Erotikshop gehüllt ist. Ein Netzmuster findet sich auch auf einer Tonfigur. Es symbolisiert lebensspendende Wasserkraft und Fruchtbarkeit, liest man auf Schildchen.

Was nach New-Age-Zinnober fern von jedem politischen Anspruch riecht, ist Teil eines großen künstlerischen Themenkomplexes, dem sich Mathilde ter Heijne widmet: der gebrochene Blick auf Selbst- und Rollenbilder der Gegenwart und Geschichte, auf Macht, Möglichkeiten und Ahnungen. In Videoarbeiten exekutiert sie Alter-Ego-Puppen, lebensgroße Mathilde-ter-Heijne-Dummys, die sie in die Luft sprengt, erschießt, in den Fluss schmeißt. Als wolle sie falsche Identitäten und Erwartungen meucheln, Rollenangebote, die das Leben bereithält – die aber nicht passen.

Dass verpönte Hexenkunst ein Ausdruck für unterdrückte Kräfte von außergewöhnlichen Frauen ist, weiß die 1969 geborene Künstlerin und zelebriert es hier in einer ironischen Ernsthaftigkeit. Auch in der Installation „Women to go“ lenkt sie geschickt den Blick auf Lebensläufe, die sich nicht entfalten konnten: Auf der Rückseite von 320 Postkarten werden Frauen des 19. Jahrhunderts vorgestellt, Ordensstifterinnen, schwarze Bürgerrechtlerinnen, Dichterinnen, Desperadas, die man heute nur noch als „raubeiniges Flintenweib“ kennt. Diesen kapitelreichen Postkartenroman ergänzen Frauenporträts auf der Vorderseite der Karten, Porträts, die nicht zu den Biografien gehören. Jede trägt Heldinnenpotenzial in sich. Der Besucher kann sich aus den Kartenständern seinen Frauenentwurf zum Mitnehmen aussuchen.

Während sich auf den Postkarten die Frauenrollen noch versöhnlich gegenüberstehen, fließt in der Videoinstallation „No Depression in Heaven“ wieder Blut. Die Künstlerin tritt in einer Doppelrolle auf, einmal arm, einmal reich. Die beiden hetzen sich durchs Dreißiger-Jahre-Set. Aus dem Off und aus einer Doppelgängerpuppe vor der Leinwand erklingt ein trauriges Lied vom Elend des Rackerns und Machens. Die beiden Frauen auf der Leinwand treffen aufeinander – und erschießen sich gegenseitig, eiskalt.

Arndt & Partner Berlin, Zimmerstraße 90–91, bis 27. Januar; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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