Kultur : Crashtest

Das Staatsballett Berlin tritt mit Strawinsky an

Ulrich Amling

Eine Ironie der Geschichte: Nach Dutzenden von Kündigungen, zahllosen vergraulten Choreografen und der Abwicklung einer ganzen Compagnie besitzt die Hauptstadt jetzt das größte Ballettensemble Deutschlands. Das Staatsballett Berlin vereint 88 Tänzerinnen und Tänzer, und sein Start, so Intendant Vladimir Malakhov, markiert „einen Wendepunkt in der Geschichte des Tanzes in Berlin“. Vielseitig, flexibel, unverwechselbar soll das Staatsballett bald auf allen Opernbühnen der Stadt agieren – auf eigene Rechnung, zum Wohl der künstlerischen Qualität.

Wie sehr er die aus dem Kern des Staatsopernballetts entstandene Compagnie begrüßt, wollte Daniel Barenboim anlässlich der ersten Premiere des Staatsballetts demonstrieren. Doch ein kürzlich erlittener Bandscheibenvorfall bremste den musikalischen Marathonmann. Mozarts 23. Klavierkonzert dirigierte Barenboim noch vom Flügel aus, danach musste er sich in die Loge zurückziehen und blickte ernst in den Graben, wo die Staatskapelle unter Julien Selemkour mit schwankender Intensität durch Strawinskys „Sacre“ und „Feuervogel“ stampfte. Dass der Abend kein glanzvoller, gar programmatischer Start in das Staatsballett-Zeitalter wurde, lag aber nicht an Barenboims Handikap. Die Kombination von zwei alten, wenig inspirierten Choreografien mit einer Mozartkugel verbreitete ein erschreckend flaues Gefühl. Wer versuchte, die Zeichen zu deuten, musste den Kopf schütteln. Zuerst bleibt die Bühne leer, Mozart, erster Satz. Im Largo dann tanzt Malakhov „Voyage“, ein Solo, das Renato Zanella für ihn geschaffen hat – und mehr zu einem schulterzuckenden Abschied als zu einem selbstbewussten Neubeginn passt.

Danach wieder Bühnendunkel, Mozart, dritter Satz. Wo sind die 88 Tänzer, das Kapital der Unternehmung? Wo bleibt die Lust am Neuen, an einer Momentaufnahme, entstanden während der ersten Proben der neuen Compagnie? Stattdessen Repertoire, das eklatante Mängel in den Ensembleszenen aufweist. Angelin Preljocajs „Sacre du printemps“ tritt unbarmherzig auf der Stelle, Profil gewinnt nur die Gastsolistin Emma Gustafsson. Uwe Scholz verurteilt in seinem staubigen „Feuervogel“ das Corps de Ballet zum Showhilfsdienst, als CrashtestDummies oder Schaufensterfiguren im Plastiksack. Einzig Malakhov hat als fragiler Feuervogel Kontakt zu einer Sphäre, in der Tanz eine lyrische Sprache ist. Wie sich die Freiheit anfühlt, weiß das Staatsballett noch nicht.

Wieder am 1., 3. und 13. Oktober.

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