Kultur : Crazy Horst

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Peter Laudenbach besucht die Weihnachtsfeier der Berliner Volksbühne

Berlins Volksbühne setzt ihre mit Frank Castorfs DostojewskiInszenierungen begonnene Gottsuche fort. Kurz vor Weihnachten richtet sie Neil Young, einem der drei Schutzheiligen des Hauses (die anderen sind Heiner Müller und Rosa Luxemburg), eine Messe aus, die der Gemeinde in gottloser Zeit Erweckungserlebnisse ganz eigener Art beschert. In Castorfs Variation von Bulgakows „Meister und Margarita“ war es zuletzt eine Neonschrift, die von der verzweifelten Suche nach Transzendenzerfahrung und Heilsgewissheit („I want to believe“) zeugte: also von der schmerzhaften Leerstelle, die die Wegrationalisierung Gottes der aufgeklärten Moderne hinterlassen hat. Die Herren hingegen, die jetzt auf der Bühne die frohe Botschaft verkünden, haben ihren Glauben längst gefunden: Neil Young ist groß, und Navid Kermani ist sein Prophet.

Kermani ist Islamwissenschaftler, Vater einer kleinen Tochter und Neil Young-Fan, alles Eigenschaften, die ihm den Weg zum rechten Glauben gewiesen haben. In seinem „Buch der von Neil Young Getöteten“, der besten musikliterarischen Neuerscheinung dieses Jahres, berichtet er von der Entdeckung, dass seine unter Magenkoliken leidende Tochter sich von Neil Youngs Songs beruhigen ließ und zu schreien aufhörte. Der vier Wochen alte Säugling bevorzugte die ungehobelten Kracher, die Rückkopplungsgewitter und die robust rumpelnden Antworten, die Youngs Band „Crazy Horse“ allen Stimmungstiefs erteilt hat. „Ein Wunder“, seufzt Kermani in der Volksbühne auf Diedrich Diederichsens Frage, wie er sich diese Wirkung auf die kleinkindliche Seele erkläre. „Es ist einfach ein Wunder.“

Aber das ist ihm Neil Youngs Musik ohnehin. In Youngs Platte „Arc“ findet Kermani Transzendenzerfahrungen und beglückende Versenkung ins Nichts („Arc“ bringe „die Leere zum Klingen“). Über „Down by the river“ spricht er mit der Emphase des von aller irdischen Mühsal Erlösten – ein Pathos, wie es sich vor ihm nur Ernst Bloch erlaubt hat, der im Schlusschor des „Fidelio“ nicht weniger als einen Vorschein des Paradieses gehört haben will. „Down by the river“ erinnert Kermani an die islamische Legende, dass Gläubige von der Wucht, der alles Menschenmaß sprengenden Glücks- und Grenzerfahrung einer Koran-Lektüre getötet worden seien. Eine Kraft, die Kermani Youngs Musik jederzeit zutraut. Aber auch Ekstasetechniken und Erweckungserlebnisse wollen analysiert sein. So unterscheidet Kermani zwischen dem Heidegger-Anteil in Youngs Schaffen, den hippiesk schmierigen Balladen, die regressiv und sentimental vergangenes Einssein mit dem Seienden beschwören, und der Adorno-Fraktion unter Youngs Stücken, die den Dissens mit dem immer schon Vorhandenen krachend und disharmonisch formuliert.

So gesehen, wäre Neil Young unplugged ein Rückfall auf Holzgitarrenwege, während etwa „Sleep with Angels“ nach einer kongenialen Deutung („Versuch, die Rückkopplung zu verstehen“) ruft. Im Anschluss bestritt „Crazy Horst“, die Hausband der Volksbühne, die Mitternachtsmesse, und der Autor versorgte seine treuesten Zuhörer mit Bier, auf dass am Tisch der von Kermani Abgefüllten das Singen und Lobpreisen kein Ende nahm.

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