Kultur : Crazy

Auf Champagnertour durch London

Matthias Thibaut

Tate-Generaldirektor Nick Serota nahm allen Mut zusammen und warf sich im fünften Stock der Tate Modern in die 55 Meter lange Rutsche von Carsten Höllers Installation in der Turbinenhalle. Ein adäquater Auftakt für die Londoner Kunst-Woche. Rutschen, sagt der Künstler, sei Kunst, nämlich ein schockauslösender Zusammenstoß zwischen Panik und luzidem Bewusstsein.

Und so geht es Schlag auf Schlag weiter: Die Frieze Art Fair hat die Stadt in einen Kunst- und Kaufrausch versetzt. „Es ist crazy“, sagte Messedirektor Matthew Slot over angesichts der Lawine, die er losgetreten hat. In London dürfte in dieser Woche Kunst für eine halbe Milliarde Dollar auf dem Markt sein. Da hat niemand Zeit zu verlieren.Die Limousinen der VIPs durchkreuzen die Stadt auf der Suche nach Kunst. Von der James Rosenquist Show bei Haunch of Venison bis zur Eröffnung des größten privaten Kunstinstituts des Landes jagt ein Champagnerempfang den nächsten. White Cube hat mitten in Mayfair einen Galerieneubau eröffnet, der sogar Platz für Gabriel Orozcos 14 Meter langes, bemaltes Wal skelett bietet. Hauser & Wirth betreibt nun auch noch hochkarätigen Sekundärhandel in den Obergeschossen der Colnaghi Galerie in der Bond Street. Im traditionellen „Red Room“ hängen statt Altmeistern nun Akte von Francis Picabia. Charles Saatchi bezieht derweil im Hintergebäude der Royal Academy Position mit Kunst aus „USA Today“ – offensichtlich in der Hoffnung, neue Marktlust zu schüren. Im allgemeinen Rausch merkt kaum einer, dass die Show mehr über den Geschmack eines Sammlers als über die amerikanische Kunst nach 9/11 sagt.

Die Auktionshäuser setzen derweil auf China. Über 50 zeitgenössische chinesische Werke sind bei Christie’s , Sotheby’s und Phillips de Pury im Angebot. Phillips, erstmals wieder in London dabei, versteigert in einem alten Postamt bei der Victoria Station. Geistigen Werten möchte sich dagegen das Kunstinstitut der Verlegerin Louise McBain widmen. In einem ehemaligen Fabrikgebäude wird Lichtkunst von James Turrell gezeigt, denn Licht ist Leben, erklärte die Begründerin, die dem Institut ihren Mädchennamen Louise T. Blouin Foundation gegeben hat. Die Kanadierin wird mal als millionenschwere Geschäftsfrau, mal als Gesellschaftskarrieristin beschrieben. Nun will sie Kunst, Wissenschaft und Bildung zusammenbringen und dem Geheimnis der Kreativität auf die Spur kommen. Denn nur in der Kreativität, versichert sie, liege Frieden und Fortschritt.

Aber ist Kunst noch Kunst, wenn Kunst überall ist? Die Frage sollte der Philosoph Jean Baudrillard auf der Frieze diskutieren. Leider wurde die Diskussion abgesagt.

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