Kultur : Crescendo

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Christiane Peitz lauscht der Kulturstaatsministerin im Hinterzimmer

Christina Weiss entschuldigt sich für die Verspätung. Sie kommt gerade von einem Treffen mit Simon Rattle. Ging es etwa ums Finanzielle? Muss der Bund jetzt auch bei den Berliner Philharmonikern...? Nein, meint die Kulturstaatsministerin. Aber das sei eine Ausnahme, räumt sie lächelnd ein, beim Hintergrundgespräch mit Journalisten im RestaurantHinterzimmer. Wer mit ihr reden will, will gewöhnlich das eine: Geld.

Keine Bange, die Philharmoniker bleiben eine Berliner Institution. Rattle und Weiss besprachen lediglich eine Nutzung des Scharoun-Baus über den Konzertbetrieb hinaus. Piano piano: An diesem Abend geht es um Kulturpolitik aus der Hinterzimmer-Perspektive. Aus der vorderen Gaststube tönt es schrecklich laut – und die Staatsministerin hat es schwer, sich Gehör zu verschaffen. Beschränkt sich Kulturpolitik per se auf einen zarten Anschlag und weiche Themen und läuft damit Gefahr, übertönt zu werden?

Stichwort Bundeskulturstiftung und ihre baldige Fusion mit der Kulturstiftung der Länder. Wer vermag die in der Runde anklingende Polyphonie von Kompetenzbündelung, flexibler Bund-Länder-Förderung und feinsinnig koordinierten Initiativ-, Klein- und Großprojekten noch zu entwirren? Immerhin, Tusch, ein Theaterpreis für ein besonders reform- oder fantasiefreudiges Haus soll ausgelobt werden, in stolzer Höhe von etwa 250000 Euro. Und die Berliner Opernstiftung, kommt sie nun 2004? Weiss verbreitet gedämpften Zweckoptimismus, wenn sie ihrer Hoffnung Ausdruck verleiht, dass die Bundesgelder für die Anschubfinanzierung im Juni beantragt werden können.

Im Gespräch über Filmförderung und Hauptstadtkulturvertrag, Medienkrise, Holocaust-Mahnmal und das Stadtschloss verkündet Christina Weiss nichts substantiell Neues. Aber die Intonation lässt aufhorchen. Zum Beispiel die immer deutlicher grummelnden Bässe beim Thema Berliner Festwochen: „Verändern oder abschaffen?“, fragt Weiss, in deren Bundesverantwortung das Festival liegt. Zehn statt vier Wochen mit anspruchsvollem, aber schlecht beworbenem Programm: So wie Intendant Joachim Sartorius die Strukturen verändert habe, gehe es jedenfalls nicht. Oder das Crescendo in Sachen Berlin: Weiss’ Unmut über den unzuverlässigen Partner bei gemeinsamen Bauvorhaben wie der „Topographie des Terrors“ oder der Akademie der Künste kippt mitunter sogar ins schrille Fortissimo.

Akzente hatte die Staatsministerin bereits bei Erwähnung der Filmfestspiele Cannes gesetzt, die zum zehnten Mal in Folge keinen deutschen Film im Wettbewerb zeigen. „Verheerend“ nennt sie das klar und deutlich. Der den Franzosen abgetrotzte „Tag des europäischen Films“ am 15. Mai – eine konzertierte Aktion fast aller Kulturminister Europas – dürfte aber ein ähnliches Schicksal erleiden wie die Kulturpolitik im Hinterzimmer. Denn auch in Cannes spielt die Musik garantiert woanders: Am selben Tag steht dort die Premiere des US-Blockbusters „The Matrix Reloaded“ auf dem Programm.

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