Kultur : Crossover mit Mister Minute in der Passionskirche

Jörg Königsdorf

Bei klassischen Konzerten ist das ganz einfach: Nur die Stücke, die auf dem Programm stehen, zählen, das Einstimmungsgekratze der Musiker ist dagegen reiner Tonabfall, den keiner zu Musik erklären würde. Bei Ryuichi Sakamoto ist das komplizierter: Zählt man die Zeit, die der Meister am Mischpult verbringt, um sich für seinen Klavierabend einzustimmen, als akustischen Verpackungsmüll, schrumpft der Abendinhalt auf das Kleinformat eines Lunchtime-Concerts zusammen. Zählt man die halbe Stunde Soundgeplänkel, mit denen er sein Publikum "Back to the Basics" bringen möchte, als Musik, käme Sakamoto zwar über die Konzertdauer-Toleranzschwelle, hätte aber eine halbe Stunde lang schwer genervt mit Gregorianik-plus-Straßenlärm-Klangkombinationen, die eigentlich keiner hören wollte. Wenn sich der Meister dann endlich an den Flügel setzt, ist er allerdings wirklich bei den Basics der Klavierstunde angelangt. Hübsche Einfälle aus Sakamotos zwanzig Berufsjahren als Filmmusikkomponist, zu geschlossenen Miniaturformen gerundet und mit Spurenelementen von Satie, Debussy, Cage und Messiaen angereichert, wenden sich ins Dekorativ-Beschauliche. Für spirituellen Überbau sorgen Grafiken und Wortfetzen, die im Drei-Minuten-Rhythmus am Firmament der Passionskirche aufscheinen. "A baby", "In your arms", "Sleep" - nichts ist da zu peinlich. Etwas mehr Interesse weckt allein das grimmig-ostinate "Someone who made me really upset" - mutmaßlich eine Retourkutsche an einen lauthals protestierenden Konzertbesucher. Aber dann ist der Abend auch schon vorbei.

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