Crowdsourcing : Mitmachen kann jeder: Wie Bibliotheken das Web 2.0 nutzen

03.01.2012 00:00 Uhrvon

Geschichtsschreibung im Internet: Bibliotheken und Archive erschließen sich durch Crowdsourcing neue Quellen. Bürger können mit eingescannten Dachbodenfunden zu neuen Erkenntnissen verhelfen.

Je komplexer und intimer die Erinnerungen sind, desto schwerer ist es, Gesprächspartner zu finden

Eine App für das „Gedächtnis der Nation“ (www.gedaechtnis-der-nation.de), einem anderen groß angelegten Crowdsourcing-Archiv, gibt es bislang noch nicht. Dafür aber einen eigenen YouTube-Chanel, der ebenfalls offen ist für alle interessierten Teilnehmer. Anders als bei „Europeana 1914-1918“, geht es in dem Projekt, das unter anderem vom ZDF und von Google unterstützt wird, nicht um stumme Requisiten, sondern um die Aussagen von Zeitzeugen. „Wie haben Sie persönlich die jüngere deutsche Geschichte erlebt: das Kriegsende, den Mauerbau, die Teilung, die Wiedervereinigung?“ – das seien Kernfragen des Projekts, erklärt Geschäftsführer Jörg von Bilavsky. Mit einem mobilen Fernsehstudio sind er und sein Team in den vergangenen Monaten durch Deutschland gefahren und haben Menschen jeden Alters zum Gespräch gebeten. 230 Interviews zur deutsch-deutschen Geschichte sind zusammengekommen, in den nächsten Jahren sollen es noch deutlich mehr werden.

In voller Länge werden die persönlichen Berichte allerdings nicht ins Netz gestellt. Das Material wird in kurze O-Ton-Häppchen geschnitten und thematisch geordnet – entweder entlang eines übersichtlichen Zeitstrahls oder nach einschneidenden historischen Ereignissen. Eine unzulässige Dekontextualisierung sei das nicht, meint von Bilavsky. „Bestenfalls ergibt sich aus den Erinnerungen der Zeitzeugen ein multiperspektivisches Geschichtsbild.“ Abgesehen davon richtet sich das Portal ohnehin weniger an Forschung und Wissenschaft, eher an eine breite interessierte Öffentlichkeit. 2012 wird das mobile Aufnahmestudio wieder unterwegs sein, diesmal zum Thema Migration.

Die Akquise von Gesprächspartnern könnte sich dabei als schwieriger erweisen. Denn je komplexer die gesellschaftlichen Zusammenhänge und je intimer oder schmerzhafter die individuellen Erinnerungen, desto eher stößt das beiläufige historische Crowdsourcing an seine methodischen Grenzen. Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft! (EVZ), die vor zehn Jahren mit den Entschädigungszahlungen an ehemalige NS-Zwangsarbeiter betraut wurde, hat langjährige Erfahrung mit sensiblen Gesprächssituationen. Für das Portal www.zwangsarbeit-archiv.de wurden vor fünf Jahren Interviews mit 600 Überlebenden aus 26 Ländern geführt. Meistens fanden die Gespräche allerdings in vertrauter Atmosphäre zu Hause am Küchentisch statt. Und natürlich in der jeweiligen Muttersprache. „Vielen Beteiligten war außerdem wichtig, dass ihre traumatischen Lebensgeschichten für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit genutzt werden können“, sagt Stiftungs-Mitarbeiterin Uta Gerlant. Im Internet finden sich deshalb nicht nur die Zeitzeugenfilme, sondern auch ausführliches didaktisches Begleitmaterial.

Beim ihrem aktuellen Netz-Projekt hat sich die Stiftung für eine noch radikalere Form des Heranzoomens entschieden. Auf der vor wenigen Wochen gestarteten Webseite www.mit-stempel-und-unterschrift.de sind nur 30 Schriftstücke dokumentiert. „Wir haben bewusst sehr wenige Fälle ausgewählt – die aber im Detail viel und auch widersprüchliches über die NS-Zwangsarbeit und ihre mühsame Aufarbeitungsgeschichte nach 1945 erkennen lassen“, erklärt Projektleiter Axel Doßmann von der Uni Jena. Zu sehen sind ein Entlassungsschein aus Auschwitz, das Arbeitszeugnis eines Pferdeknechts, eine Geburtsurkunde aus dem KZ Bergen-Belsen. Auf den ersten Blick verraten die verblichenen Papiere wenig über ihre ehemaligen Besitzer. Erst durch die Erklärungen, die die Historiker angefügt haben, werden daraus wieder Namen, Gesichter und – kollektive Schicksale.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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